Zum Inhalt

Einnerungen an Franz Killat

Einleitung

Franz Killat (1891 - 1945)

Franz Killat, mein Großvater, war verheiratet mit Annike Kilert, geb Pipirs (1896-1968). Aus erster Ehe hatte er zwei Söhne. Sein Sohn mit Aniike Killert ist mein Vater, Heinz Killert (1931-2012). Franz Killat war 1. Weltkrieg Soldat und hat das recht seltene "Pour-Le-Merite" für Unteroffiziere erhalten. Im 2. Weltkrieg war in einem Polizeibatallion bei Memel/Pillau stationiert und gilt seit April 1945 dort als verschollen.

Zu meinem Großvater väterlicherseits habe ich bisher nur sehr bruchstückhafte Informationen zusammentragen können. Die Erzählungen meines Vaters waren nicht besonders ausführlich, was daran lag, dass mein Vater erst acht Jahre alt war, als sein Vater bei Memel/Pillau im 2. Weltkrieg geblieben ist - seine Erinnerungen waren also sehr spärlich.

Franz Killat war zuletzt Polizist in Memel - das war wohl für den kleinen Heinz Killert sehr faszinierend. In einem kurzen Interview erzählte mein Vater, dass er als Kind mit diesen Polizeisachen gerne gespielt hat. Das waren aber auch schon beinahe alle Informationen zum meinem Großvater. Seine Frau, Annike Killert, hat einige Suchanträge gestellt. Das wurde mir erzählt und ist in dem einzigen mir bekannten Dokument aus dem Bundesarchiv auch so notiert worden.

Ausweis Franz Killert - man beachte die Namensänderung
Ausweis Franz Killert - man beachte die Namensänderung

Franz Killat war zweimal verheiratet. Aus der ersten Ehe mit Margarethe Kminek (1889-1968) stammen die Halbrüder meines Vaters Günther Killert (1924-1974) und Werner Killert (1923-2012). Günther Killert war der Grund, warum meine Eltern von Lübeck nach Troisdorf habe.

Aber der Reihe nach. Ich trage hier zusammen, was mir bekannt ist und welche Schlossfolgerungen ich aus den einzelnen Puzzlestücke ziehen kann.

Herkunft

Auch über die Herkunft meines Großvaters - und das gilt auch generell für die Herkunft der Killats - ist nur wenig in Erfahrung zu bringen. Die Eltern waren Michael Killat (1860-1896) und Elisabeth Dreyer (1957-1916). Geht man weiter im Stammbaum zurück - so weit das überhaupt möglich ist - dann fallen Dokumente auf, die nicht unterzeichnet waren, sondern mit drei Kreuzen versehen wurden. Daraus lässt sich schliessen, dass die Killats nicht Teil eines privilegierten Bildungsbürgertums waren. Das passt auch zu den Recherergebnissen meines Onkels Joachim Lörzers, die ich durch eigene Recherchen bestätigen konnte. "Killat" stammt vom französischen "Cuillat" und es ist nur bekannt, dass ein großer Teil der Familie aus armen Weinbauern und Wanderarbeitern bestand, ohne viel Bildung und das Leben war geprägt von harter Arbeit. Hier überhaupt etwas zu finden, dürfte sehr schwierig sein.

Die nachfolgenden drei Dokumente geben ein wenig Aufschluss über die Herkunft der Killats. Links sieht man die Unterzeichnung einer Heiratsurkunde aus dem Familienzweig der Dreyers. Statt eines Namens sehen wir "+++". Die anderen beiden Dokumente geben Auskunft über die Namensherkunft.

Weitere Details zur Namensherkunft - vor allem, wie umd warum es 1942 zum Wechsel von "Killat" zu "Killert" kam - habe ich auf dieser Seite dokumentiert.

Im Nachlass meines Vaters gibt es ein paar weitere interessante Dokumente zu Franz Killat. Die Geburtsurkunde - als Abschrift aus dem Jahr 1939 und die beiden Seiten des Originals aus dem Jahr 1891. Warum die Abschrift aus dem Jahr 1939 ebefalls in litauisch gehalten ist, hat einen Grund ... .

Nach dem Ende des 1. Weltkrieges wurde das Memelgebiet abgetrennt und gehörte zu Litauen.

Das Memelgebiet und die beiden Weltkriege

Nach dem Ersten Weltkrieg durchlief das Memelgebiet (der nördlichste Teil Ostpreußens um die Stadt Memel/Klaipėda) eine wechselvolle Geschichte, die von internationalen Mandaten, Annexion und Grenzverschiebungen geprägt war:

1. Abtrennung vom Deutschen Reich (1919/1920)
Durch den Versailler Vertrag von 1919 (Artikel 99) musste das Deutsche Reich das Memelgebiet ohne Volksabstimmung an die alliierten Siegermächte abtreten. Mit dem Inkrafttreten des Vertrags im Januar 1920 wurde das Gebiet unter die Verwaltung des Völkerbundes gestellt und von französischen Truppen besetzt.

2. Besetzung durch Litauen (1923)
Im Januar 1923 nutzte die junge Republik Litauen die internationale Ablenkung durch die Ruhrbesetzung und besetzte das Memelgebiet in einer inszenierten Militäraktion („Klaipėda-Aufstand“). Litauen strebte nach einem direkten Ostsezugang über den Hafen Memel. Die Siegermächte erkannten die vollendeten Tatsachen schließlich an.

3. Autonomiestatut unter litauischer Souveränität (1924)
Durch die Memelkonvention von 1924 wurde das Gebiet formell an Litauen übergeben, erhielt jedoch einen autonomen Status mit eigenem Landtag und eigener Verwaltung. Die Beziehungen blieben extrem angespannt: Bei Wahlen stimmte die überwiegend deutsche bzw. pro-deutsche Bevölkerung konstant für deutsche Parteien, während Litauen versuchte, seinen Einfluss auszuweiten (zeitweise durch Verhängung des Kriegsrechts).

4. Rückgliederung an das Deutsche Reich (1939)
Am 22. März 1939 erzwang das nationalsozialistische Deutschland durch ein Ultimatum die Rückgabe des Memellandes. Die litauische Regierung gab dem Druck nach, woraufhin deutsche Truppen einmarschierten und das Gebiet wieder in das Deutsche Reich eingegliedert wurde.

5. Folgen nach dem Zweiten Weltkrieg (1945)
Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs besetzte die Rote Armee Ende 1944/Anfang 1945 das Memelland. Die deutsche Bevölkerung floh oder wurde vertrieben. Nach dem Krieg wurde das Gebiet der Litauischen SSR innerhalb der Sowjetunion zugeschlagen. Seit dem Zerfall der Sowjetunion (1990/1991) gehört die Region als Bezirk Klaipėda zum unabhängigen Staat Litauen.

Zwei weitere Dokumente aus dieser Zeit zeigen diese besondere Situation. Zum einen auf den litauisch verfassten Optationsschein (links) und die Geburtsurkunde meines Vaters Heinz Killert, rechts, die auf litauisch und deutsch verfasst ist. Der Optationsschein ist eine Bestätigung für den Antrag von Franz Killat, neben der litauischen Staatsangehörigkeit auch die deutsche behalten, zu wollen:


Optationsschein zur Beibehaltung der deutschen Staatsbürgerschaft im besetzten Memelgebiet

Geburtsurkunde von Heinz Killert

Wenn man es also genau nimmt, dann ist mein Vater eigentlich gebürtiger Litauer :-)

Dann geschieht etwas bemerkenswertes, was mich einige Rückschlüsse auf viele folgende Zusammenhänge erkennen lässt, insbesondere auf die gleich noch aufzulistetenden Befähigungen und Auszeichnungen von Franz Killat im 1. Weltkrieg. Am 29. März 1939 geht das Memelland - unter Androhung von Kriegshandlungen - an das Deutsche Reich zurück. In der Vorgeschichte des 2. Weltkrieges ist immer nur von dem Gebiet der Sudetendeutschen die Rede. Für das Memelland gab es parallel die gleichen Gebietsforderungen. Nur drei Tage später(!) treten Franz Killat und seine Frau Annike der NSDAP bei. Mit direkt aufeinanderfolgenden Mitgliedsnummern.

NSDAP Mitgliedkarte Franz Killat
NSDAP Mitgliedkarte Franz Killat
NSDAP Mitgliedkarte Annike Killat
NSDAP Mitgliedskarte Annike (Anna) Killat

Mein Vater hat mir mal erzählt, dass meine Großmutter eine Anhängerin der Nationalsozialisten gewesen war und bitterlich geweint habe, als der Rundfunk damals die Nachricht verkündet hat, dass der Führer bis zum letzten Atemzug kämpfend für Deutschland gefallen sei ... ich denke, dass die Begeisterung damit einherging, dass man mit Hitler und der NSDAP die "Befreiung" des Memellandes verband.

Auch hier muss ich als "allwissender Nachgeborener" anmerken, dass diese Auslegung für Menschen vor Ort ohne Kenntnis über größere Zusammenhänge und einer Ahnung von dem, was wenige Wochen später als 2. Weltkrieg begann, sicherlich naheliegend war.

Es geht aber noch weiter. Anhand der nun folgenden Urkunden kann ich einen weiteren wichtigen Aspekt rekonstruieren, der die Sozialisierung und die Weltanschauung des älteren Halbbruders Werner Killert erklären dürfte. Leider sind diese Urkunden sehr oberflächlich und kaschieren das große Unbekannte. Franz Killat hat im 1. Weltkrieg das "Pour-le-Merite" für Unteroffiziere erhalten, sowie das Ehrenkreuz für Frontkämpfer im 1. Weltkrieg. Gerade das "Pour-le-Merite" ist eher selten verliehen worden und da hatte ich die große Hoffnung, in der einschlägigen Fachliteratur Hinweise zu finden. Im Standardwerk "Das preussische Goldene Militär-Verdienstkreuz" von Klaus Patzwall gibt es einen Eintrag (Seite 159), allerdings ohne weitere Details:

Nr. 1128 Killat, Franz
Verleihung 07.09.1918 als Uffz. im PiBtl. 18.

Das passt auch in etwa zu dem Eintrag im Wehrpass meines Großvaters. Und wir erfahren hier, in welchem Batallion er gedient hat. Das 18. Pionier Batallion.

Zu diesem Batallion gibt es eine Historie, die ich mir allerdings noch nicht im Detail angeschaut habe: https://portal.dnb.de/bookviewer/view/1032199679#page/7/mode/1up

Auf der Suche nach Major Fischer

In weiteren Unterlagen finden sich zwei Hinweise auf einen gewissen Major Fischer. Mein Vater hat auf einem kleinen Schreiben des Majors an Franz Killat notiert, dass Franz Killat diesem Major das Leben gerettet hat. Zum Geburtstag von Franz Killat hat dieser Major auch ein Glückwunsch-Telegramm geschickt. Wer kennt einen Major Fischer aus dem Raum Tilsit/Memel und was genau verband ihn mit meinem Großvater? Ich vermute hier einen Zusammenhang zu dem "Pour-le-merite", den ich aber bisher nicht bestätigen konnte.

Hier die beiden Hinweise, die ich auf den Major gefunden habe. Man beachte, dass zwischen beiden Dokumenten 30 Jahre liegen.


Erster Brief von Major Fischer

Entzifferung dieses Briefes von Major Fischer

Straßburg, 30.11.1914

Lieber Pionier Killat !
Zum Weihnachtsfeste sende ich Ihnen ein klein ... |Unleserlich| ... der Ihnen hoffentlich bekommen ist. Ich hoffe, es ist Ihnen gut gegangen, seit Sie mich mit den anderen |Brüdern(?)| aus dem Feuer getragen haben. Ich bin leider immer noch nicht so gesund, daß ich wieder zum Bataillon zurück kann, so sehr ich es auch wünsche; vor Weihnachten wird es aber wohl nichts mehr werden.

Grüßen Sie die Kameraden … |Unleserlich| ...
und seien Sie selbst bestens gegrüßt von Ihrem Batallions Kommandeur Major Fischer




30 Jahre später besteht die Verbindung zwischen Franz Killat und Major Fischer nach wie vor ... .

Wer war Major Fischer?

Wichtige Anmerkung dazu: Nach meinen Recherchen kommt vermutlich nur eine Person mit diesem Rang als "Major Fischer" in Frage: Eberhard Fischer (1893-1962), Generalmajor der Luftwaffe. Es gibt zwar noch mehrere Wehrmachtsangehörige im Rang eines Majors, aber keiner von ihnen hatte im 1. und 2. Weltkrieg gedient, was bei diesem Major aber der Fall sein muss. Wenn es Angehörige von Eberhard Fischer gibt, die vielleicht mehr Informationen haben, vielleicht sogar Hinweise auf Franz Killat, dann würde ich mich über eine Kontaktaufnahme freuen.

Die Schlacht bei Tannenberg

Das ist wirklich ein unglaublicher Zufall: Ohne es zu wissen, ist die "Schlacht bei Tannenberg" das wichtigste Ereignis in meinem ersten Roman "Amor Simplex". Die Auszeichnung "Ehrenkreuz für Frontkämpfer" sowie der Dienstgrad eines "Leutnant der Landwehr" resultieren aus der Teilnahme von Franz Killat an dieser Schlacht. Wer weiß mehr über diese Auszeichnungen und stehen diese ggf. ebenfalls mit Major Fischer in Verbindung?

Infos zur Schlacht bei Tannenberg

Die Schlacht bei Tannenberg war eine Schlacht des Ersten Weltkrieges und fand in der Gegend südlich von Allenstein in Ostpreußen vom 26. August bis zum 30. August 1914 zwischen deutschen und russischen Armeen statt. Die deutsche Seite stellte hierbei 153.000, die russische 191.000 Soldaten ins Feld. Sie endete mit einem Sieg der deutschen Truppen und der Zerschlagung der ins südliche Ostpreußen eingedrungenen russischen Kräfte.

Anfänglich in den deutschen Medien als „Schlacht bei Allenstein“ bezeichnet, wurde sie auf Wunsch Paul von Hindenburgs kurze Zeit danach zu Propagandazwecken in Schlacht bei Tannenberg umbenannt. Tatsächlich liegt nicht die Ortschaft Tannenberg (heute Stębark) unmittelbar im Hauptkampfgebiet, sondern Hohenstein. Mit der Namensgebung sollte die in der deutschen Geschichtsschreibung als Schlacht bei Tannenberg bezeichnete Niederlage der Ritter des Deutschen Ordens gegen die Polnisch-Litauische Union im Jahre 1410 überstrahlt werden. Quelle: wikipedia.

Dieses Ereignis halte ich deswegen für bedeutsam, weil Werner Killert, Halbbruder meines Vaters und sicherlich in jungen Jahren stark vom Vater geprägt, einen starken Hang zur sogenannten Dolchstoßlegende dokumentiert hat. Das kann man in diesem langen Artikel und dem Briefwechsel zwischen ihm und meinem Vater entnehmen. Die Teilnahme an dieser Schlacht und die (historisch haltlose) Mystifizierung der im Felde unbesiegten Deutschen, hat die nachfolgende Generation offensichtlich stark geprägt.

Tätigkeiten im 2. Weltkrieg

Eine der wichtigsten Fragen überhaupt ist die nach dem Verbleib meines Großvaters und welche Aufgaben er im 2. Weltkrieg wahrgenommen hat. Er war Polizeibeamter und es gibt für Angehörige der Polizei in ihren verschiedenen Ausformungen nachweisbare Belege zu Teilnahme von ganzen Polizeibatallionen an Gräueltaten an Zivilisten. Dass die offensichtliche nationalsozialistische Gesinnung meines Großvaters vielleicht so weit ging, dass er an solchen Taten beteiligt sein könnte, lässt sich nicht nachweisen, aber auch nicht entkräften.

Allerdings gibt die Vermissten-Datei des Deutschen Roten Kreuzes Aufschluss darüber, wo mein Großbater zuletzt gemeldet war, nämlich beim Polizei Regiment "Vogt" und beim Polizei Batallion "Barning". Damit kann man natürlich etwas mehr recherchieren. Unter anderem habe ich folgendes herausgefunden:

Zu den Einheiten Polizei-Regiment „Vogt“ (bzw. entsprechende Verbände unter einem Kommandeur namens Vogt) und dem Polizei-Bataillon „Barning“ liegen in der gängigen geschichtswissenschaftlichen Fachliteratur und den Verzeichnissen der Ordnungspolizei keine direkten, offiziellen Nachweise unter exakt diesen Namen vor.

Infos Polizei Regiment 'Vogt' und Polizei Batallion 'Barning'

Polizeiverbände (Schutzpolizei, Gendarmerie, Hilfspolizei) waren im Zuge des Zweiten Weltkriegs tief in die Verbrechen des NS-Regimes verstrickt – insbesondere durch den Einsatz von Polizei-Bataillonen hinter der Ostfront ab 1941 (Massenerschießungen, Beteiligung am Holocaust und an der sogenannten „Banditenbekämpfung“ bzw. Partisanenmorden).

Mit Blick auf die späte Kriegsphase (1944/1945) im Raum Memel / Ostpreußen gilt jedoch differenziert:

Front- und Abwehreinsätze: Gegen Ende des Krieges wurden viele Ordnungs- und Sicherheitspolizeieinheiten (oder aus ihnen gebildete Regiments- und Bataillonskampfgruppen) primär direkt für militärische Abwehrkämpfe gegen die sowjetische Offensive herangezogen, da reguläre Wehrmachtstruppen vielerorts fehlten oder zerschlagen waren.

Dokumentierte Gräueltaten lokaler Dienststellen: Aus dem Raum Memel ist beispielsweise das Wirken der Staatlichen Polizeidirektion Memel bzw. lokaler Dienststellen im Rahmen von Verbrechen dokumentiert (so gab es in Nachkriegsprozessen wie vor dem Landgericht Ulm Verfahren gegen Angehörige der Memeler Polizei im Zusammenhang mit Verbrechen in Litauen). Ob jedoch speziell ad-hoc Einheiten mit den Namen „Vogt“ oder „Barning“ an konkreten, nachweisbaren Kriegsverbrechen oder Gräueltaten in der Endphase in Memel beteiligt waren, lässt sich ohne spezifische personal- oder gerichtsaktenkundige Belege für diese genauen Deck- oder Nachnamenverbände nicht pauschal mit „Ja“ beantworten.

Genau an dieser Stelle steckt meine aktuelle Recherche jedoch fest. Ich schaue immer mal wieder in diversen Internetforen nach weiteren Details und werde - falls ich noch mehr herausfinde - dies hier an dieser Stelle natürlich festhalten

Möglicher Alltag in den letzten Kriegswochen

Ich konnte mir nur schwer vorstellen, welchen Tätigkeiten mein Großvater in den letzten Wochen seines Lebens nachgegangen sein mag. Ein wenig beschreibt er seinen Alltag ja in dem letzten Brief an seinen Sohn Heinz, den sie hier nachlesen können.

Recherche mit Hilfe von KI haben einige Hintergrundinfos verdeutlicht. Zum einen zum Alltag, aber auch zu den exakten historischen Abläufen in Memel und Pillau.

So könnte der Alltag ausgesehen haben:

05:30 – Wecken, Kaffee, Brot  
06:00 – Antreten und Befehlsausgabe  
06:30 – Marsch zur Alarmstellung  
08:00 – Beobachtung, gelegentliche Artillerieeinschläge  
11:00 – Feldküche oder kalte Verpflegung  
12:00 – Luftalarm, Deckung beziehen  
13:00 – Bergung Verwundeter, Stellungsarbeiten  
16:00 – Ablösung oder erneuter Alarm  
18:00 – Schreiben von Briefen, Waffenpflege  
20:00 – Nachtwache oder Bereitschaft  
00:00–05:30 – Schlaf in kurzen Abschnitten, jederzeit alarmierbar
Historische Einordnung

Nach der Räumung des Brückenkopfes Memel am 27./28. Januar 1945 wurden die deutschen Truppen nicht aufgelöst, sondern überwiegend über die Kurische Nehrung nach Samland zurückgeführt. Von dort kämpften sie weiter im Raum Fischhausen–Pillau. Pillau war bis April 1945 der wichtigste deutsche Ostseehafen in Ostpreußen und Sammelpunkt für zurückgehende Verbände.

Ein Soldat, der im Januar noch in Memel war und am 11. März 1945 aus Pillau schrieb, passt daher zeitlich und geografisch sehr gut zu einem Verteidiger des Brückenkopfes Memel.

Passt das zur Kompanie Barning?

Ja – grundsätzlich schon.

Wenn Franz Killert tatsächlich der Kompanie Barning des Volkssturm-Bataillons 25/1 angehörte, gibt es zwei denkbare Verläufe:

  • Die Einheit wurde gemeinsam evakuiert. Viele Volkssturm- und Sicherungseinheiten wurden nach Samland übernommen und dort weiter eingesetzt.
  • Die Einheit wurde nach der Evakuierung auf andere Verbände verteilt. Wegen der hohen Verluste wurden im Februar/März 1945 zahlreiche Resteinheiten auf reguläre Infanterie-, Volksgrenadier- oder Festungsverbände verteilt.

Der zweite Fall war gegen Kriegsende sehr häufig.

Passt das zum Regiment Vogt?

Auch das ist möglich.

Falls das sogenannte Regiment bzw. die Kampfgruppe Vogt als Sicherungsverband aus Memel herausgeführt wurde, wäre ein späterer Einsatz im Raum Pillau ebenfalls plausibel. Allerdings habe ich bislang keinen belastbaren Nachweis gefunden, dass diese Einheit als geschlossener Verband bis März 1945 in Pillau existierte. Hier fehlen derzeit Primärquellen.

Letztenlich habe ich keine belastbaren Quellen zum Schicksal meines Großvaters. Die Einträge aus der Karteikarte des Deutschen Nationalarchiv (ich hatte dort Anfang 2026 eine Anfrage gestellt), lieferten keine besonderen Ergebnisse. Ich kann aus diesen Einträgen lediglich ablesen, dass keine Verbindung zu anderen Institutionen (wie z.B. der SS) während der Nazi-Herrschaft bestand.


Karteikarte Nationalarchiv

Karteikarte Nationalarchiv

Weitere Dokumentation

Schatten der Vergangenheit?

Im Februar 2014 bin ich auf eine interessante Entdeckung gestoßen. Der Name meines Großvaters "Franz Killert" taucht in alter Schreibweise als "Franz Killat" häufiger in diversen Publikationen auf. Kurios: einige davon lassen darauf schließen, dass Franz Killert möglicherweise den 2. Weltkrieg überlebt hat und als Franz Killat die Vergangenheit hinter sich gelassen hat.

Ich wollte heraus finden, ob dies so ist und welche Hintergründe es dabei aufzuklären gibt.

Die genauen Umstände, wie es zu dieser Entdeckung kam, finden habe ich in diesem Blogeinträgen zusammengefasst. Meine Vermutung hat sich nicht bestätigt. Es gab zwei Personen mit dem Namen "Franz Killat". Ein Nachfahre des anderen "Franz Killat" hatte mir eine ausführliche E-Mail gesendet.

Schatten der Vergangenheit - Teil 1: Ein Verdacht

Im Zuge meiner Recherchen über die Vergangenheit der Familie "Killert" habe ich vor einigen Tagen mal nach der alten Schreibweise "Killat" gegoogelt. In den 40er Jahren hatten die Nazis bestimmt, dass der Name "Killat", der angeblich slawisch klingen würde (ziemlicher Unsinn, aber soll hier jetzt nicht Thema sein) in "Killert" geändert werden müsse. Mein Großvater Franz Killat hat dies minutiös, samt Arier-Nachweis, dokumentiert.

Was also lässt sich zu Franz Killat finden? Neben den mit schon bekannten Einträgen (Adress-Register von Memel) habe ich zwei Hinweise gefunden, die unglaublich interessant sind und denen ich weiter nachgehen werde:

In diesem Leserbrief sind  zwei Dinge festgehalten, die mir komplett neu waren:- Franz Killat war Träger der "Goldenen Verdienstkreuzes" für Unteroffiziere im Ersten Weltkrieg.- Franz Killat ist im April 1945 in Königsberg gefallen.

Bisher galt mein Großvater lediglich als verschollen und wurde 1956 für tot erklärt. Der Schreiber dieses Leserbriefes scheint mehr gewusst zu haben ... . Die letzte Nachricht von Franz Killat kam jedenfalls nicht aus Königsberg, sondern aus Pillau (heutiges "Baltijsk"), was aber ganz in der Nähe ist. Auch der Hinweis auf die Witwe und die drei Söhne sind korrekt - keine Verwechselung möglich. Mein bisheriger Kenntnisstand war, dass Franz Killat ein einfacher Polizei-Wachtmeister gewesen war. Das stimmt wohl gar nicht.

Jetzt ist es natürlich naheliegend anzunehmen, dass es einen zweiten Franz Killat gegeben hat, der den zweiten Weltkrieg überlebt hat. Man muss auch immer bedenken, dass es 1934 diese Namensänderung gegeben hat. Aus "Franz Killat" war "Franz Killert" geworden. Nach "Killert" wurde auch gesucht - niemals nach "Killat".

Außerdem: es mag sein, dass es noch einen zweiten Franz Killat gab - wie groß aber ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser mit Namen wie "Budwill" und "Bartolitius"in Zusammenhang steht, die laut diversen Archiven beinahe Nachbarn (Tilsit) meines Großvaters gewesen waren?   Ich möchte an dieser Stelle erklären, dass ich kein Anhänger der ostpreussischen Landsmannschaft bin und die "alten" Ostgebiete nicht als Teil der Heimat ansehe - allerdings sind solche Publikationen interessante Quellen, die Licht in das Dunkel der eigenen Herkunft bringen.   Welche Schlussfolgerungen sich aus diesen beiden Fundstellen meiner Meinung nach ergeben, schreibe ich hier in Kürze ... .

Schatten der Vergangenheit - Teil 2: Spekulationen

Ich habe mich heute den ganzen Tag mit den alten Dokumenten zu meinem Großvater beschäftigt. Es gab da einen Ordner, der einige Zeugnisse und Urkunden umfasst, den ich nur überflogen hatte. Das sind hauptsächlich Heirats- und Sterbeurkunden. Nichts Aufregendes. 

Einige Dokumente waren dann aber doch interessant. Es gibt da einen "Major Fischer", dem mein Großvater im 1. Weltkrieg wohl das Leben gerettet hat. Möglicherweise steht das im Zusammenhang zu der Auszeichnung, die er im 1. Weltkrieg erhalten hat.

Franz Killat hat an der "Schlacht von Tannenberg" teilgenommen. Es ist ein Zufall, dass dieses Ereignis im Mittelpunkt meines ersten Romans "Amor Simplex" steht. Aber vielleicht gibt es wirklich keine Zufälle ...?

Ich habe daher eigens eine Seite zur Ahnenforschung eingerichtet, auf der ich auch zur Kontaktaufnahme ermuntere. Die Fragen, die mich beschäftigen, sind dort zusammengefasst.

Aber zurück zu meinem Eintrag von gestern und den beiden Hinweisen, die ich zu Franz Killat gefunden habe: Beide Einträge sind natürlich widersprüchlich. Wenn der Leserbrief korrekt ist, dann ist mein Großvater 1945 in Königsberg ums Leben gekommen. In diesem Fall interessieren mich die genauen Umstände - denn wie schon erwähnt, diese Nachricht ist neu. Zwischen "Verschollen" und "Verstorben" liegt die Gewissheit. Gewissheit sind Tatsachen, die ich gerne erfahren würde.

Der zweite Eintrag, der auf einen Franz Killat aus Reutlingen hindeutet, wirft natürlich die Frage auf, ob mein Großvater unter seinem alten Namen weitergelebt hat. Wenn ja, warum hat er das getan? Dafür könnte es zwei Gründe geben:

1.) Er wollte die Vergangenheit hinter sich lassen und ein neues Leben beginnen. Franz Killat war bereits das zweite Mal verheiratet. Vielleicht hat er die Gelegenheit genutzt und ist aus einer vielleicht gescheiterten zweiten Ehe geflohen.

2.) Franz Killat war kein Mitläufer. Von der Oma, also seiner Ehefrau, wurde mir von meinem Vater erzählt, dass sie eine sehr naive, aber glühende Nationalsozialistin war. Angeblich hat sie bis zum Schluss geglaubt, dass "der Führer" bis zum letzten Atemzug kämpfend für Deutschland gefallen war. Auch von einem ihrer Söhne aus erster Ehe existieren haarsträubende Briefe an meinen Vater, in dem dieser zu dieser "guten alten Zeit" bekehrt werden soll.Diese These - und die halte ich für plausibel - stützt sich auch auf die Funktion meines Großvaters. Er hatte einen militärischen Dienstgrad und war darüber hinaus zuletzt "Hauptwachtmeister der Landespolizei". Diese sogenannte "Schutzpolizei" war für die Organisation all der Dinge verantwortlich, die der Deutschen Geschichte zurecht wie ein Makel anhaftet. Er wäre mit Sicherheit niemals in Gefangenschaft gegangen - man hätte mit ihm kurzen Prozess gemacht. Taucht dann der Name Anfang der 60er Jahre in einer Todesanzeige auf - wem würde das schon auffallen? Heute fällt es auf, denn das Internet stellt Zusammenhänge her, die jahrzehntelang verborgen waren.

Schatten der Vergangenheit - Teil 3: Gewissheit

Es gibt eine wesentliche Neuigkeit in Sachen Ahnenforschung. Ich hatte ja vor gut einem Jahr einen Hinweis darauf gefunden, dass mein Großvater, der gegen Ende des Krieges als verschollen galt, möglicherweise unter dem Namen Franz "Killat" (die ursprüngliche Schreibweise von "Killert") in Reutlingen nach dem Krieg noch gelebt haben könnte. Ich habe da auch einige Mutmassungen angestellt, warum das so gewesen sein könnte.

Seit gestern ist klar, dass diese Vermutung falsch ist. Ein Verwandter eines Franz Killat aus Reutlingen hat mir per E-Mail einige Hintergrundinfos zukommen lassen - der Franz Killat aus Reutlingen stammte ursprünglich aus Tilsit und ist ca. 15 Jahre nach meinem Großvater geboren worden. Tilsit und Memel liegen nahe beieinander. Auch wenn der Name "Killat" in den verschiedenen Registern häufiger auftaucht - das ist dennoch ein sehr ungewöhnlicher Zufall.

Damit steht zweifelsfrei fest, dass es zwei Franz Killats gegeben haben muss und dass mein Großvater vermutlich wirklich 1945 in der Nähe von Königsberg umgekommen ist.

Zwischenzeitlich habe ich auch eine Seite gefunden, in der Personenlisten von 1945 aufgeführt sind. Zu Franz Killat gibt es in einem Archiv in Kaliningrad einen Eintrag. Möglicherweise erfahre ich so, wo Franz Killat zuletzt gesehen worden ist. Ich habe einen Auszug aus diesem Archiv angefordert - das kann aber wohl mehrere Wochen dauern, bis ich etwas erhalte. Die Arbeit wird von Ehrenamtlichen gemacht.

Die erste Ehe von Franz Killat

Franz Killat war zweimal verheiratet. Mein Vater war das dritte Kind von Franz Killat und das einzige aus der Ehe mit Annike Killert, geb. Pippirs. Diese Eheschliessung fand 1930 statt. Zuvor, im Jahr 1926, hatte Franz Killat eine gewisse Anna Margarethe Klein geb. Kmienek geheiratet. Anscheinend war es für diese Frau bereits die zweite Ehe. Aus dieser ersten Ehe sind die Kinder Günter und Werner Killert hervorgegangen. Wer weiß etwas über den Verbleib von Anna Margarethe Klein? Warum war die Ehe nach nur vier Jahren beendet?

Meine Mutter hat mir 2022 erzählt, dass einer der Söhne, Günther Killert, seine leibliche Mutter viele Jahre nach dem Ende der Ehe mal getroffen hatte. Sie wollte jetzt, wo die Söhne erwachsen waren, wieder Kontakt haben. Günther Killert hat das aber strikt abgelehnt.

Bei Ancestry habe ich dann ein interessantes Dokument gefunden. Es ist die Sterbeurkunde dieser ersten Frau von Franz Killat. Ich kann nur mutmaßen, dass sie vermutlich einen einsamen Tod gestorben ist - aber das ist wirklich nur eine Vermutung ...


Gestorben zu unbekannter Stunden, gefunden von der Volkspolizei

Wer war John Killat?

In der Heiratsurkunde von Franz und Annike Killat wird ein gewisser "John Killat" erwähnt. Dieser Name taucht auch immer wieder in Ancestry auf. Zunächst dachte ich, dass er ein uns unbekannter Verwandter in Übersee oder aus dem angelsächsischen Raum sein könnte. Aber ich wurde darauf aufmerksam gemacht, dass der Vorname „John“ keineswegs auf eine angelsächsische Herkunft schließen lässt. Der Vorname „John“ (deutsch ausgesprochen) war besonders im letzten Jahrhundert im Norddeutschen Raum ein sehr beliebter Vorname. Ich habe mittlerweile auch erfahren, dass John Killat bis 1945 in Memel gelebt hat - was mit ihm passiert ist und in welchem Verwandtschaftsverhältnis er zu den mir bekannten Killert/Killat Familienmitliedern stand, ist nach wie vor unbekannt. Laut Ancestry liegt die Vermutung nahe, dass er ein Bruder/Halbbruder oder Cousin von Franz Killat gewesen war - aber ich habe keine weiteren Hinweise gefunden.


John Killat als Trauzeuge - aber wer war John Killat?

Franz Killat wird für tot erklärt.

Solche "Beschlüsse" gab es abertausende in 50er Jahren - auch Franz Killert, seit April 1945 in der Gegend um Pillau in Ostrpeussen verschollen, wird am 16.10.1956 für tot erklärt.


Franz Killert wird am 16.10.1956 für tot erklärt

Auskunft der Sparkasse Memel

In den Unterlagen habe ich noch weiteres interessantes Dokument gefunden. Meine Großmutter hat anscheinend versucht ihr Auskommen zu sichern und bei der Sparkasse in Memel nachgefragt, ob Sie über das Guthaben ihres Mannes verfügen kann - hier die Antwort auf einer Postkarte, die irgendwie sehr anschaulich darstellt, wie begrenzt die Möglichkeiten in dieser schweren Zeit gewesen sein müssen. Das "t" auf der Schreibmaschine scheint defekt zu sein und man bittet um Unterstützung bei der Deckung der Auslagen:


Postkarte Auskunft Sparkasse Memel - Vorderseite


Postkarte Auskunft Sparkasse Memel - Rückseite

Weitere Dokumente

Über den Verbleib von Franz Killat ist nichts bekannt. Er gilt als verschollen und es ist sehr wahrscheinlich, dass er in der Nähe von Pillau ein Opfer des Krieges wurde.

Auf den Seiten "Erinnerungen an Memel" können Sie den letzten Brief von Franz Killert an seinen Sohn Heinz (meinen Vater) lesen. Mein Vater hat diesen Brief immer wie einen Schatz verwahrt, denn es war das Einzige, was ihm von seinem Vater geblieben ist. Ebenfalls auf dieser Seite ein Schiebebild mit den Veränderungen zwischen Memel und dem heutigen Klaipeda in Litauen. Sie finden dort auch einen Google Streetview Link zu der Stelle, wo einst das Haus der Killerts in der Stauerstraße stand.

Alte und "neue" Fotos

Von Franz Killat gibt es nur wenige Fotos. Außer dem Foto in dem Ausweisdokument, einem Hochzeitsfoto (siehe oben) kenne ich nur drei weitere Fotos, auf denen Franz Killat zu sehen ist. Bei zwei dieser Fotos auch nur relativ klein in einer Reihe mit anderen Menschen, vermutlich seinen Kameraden.

Dann habe ich die KI in verschiedenen Varianten "gefüttert" - ich wollte ein realistisches Foto von meinem Großvater konstruieren. Sowohl Gemini als auch ChatGPT kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Diese beiden Fotos bringen mir also diesen Menschen etwas näher:

Es gibt natürlich einen Grund, warum ich diese Fotos hier reingestellt habe. Durch Fotosuche im Internet oder dem Vergleich mit Bildern anderer Nutzer könnte ja Menschen auf dieses Foto stoßen und vielleicht Auskünfte und Details preisgeben, die die Vergangenheit noch ein wenig mehr erleuchten. Vielleicht kann jemand die anderen Personen auf den Foto zuordnen und mir Infos schicken. Es ist manchmal erstaunlich, welche Kontakte mit solchen Fotos entstehen und welche Hintergründe auch nach so vielen Jahrzehnten noch beleuchtet werden können.

Sie haben Fragen, Anmerkungen oder können mir Hintergründe zu den hier besprochenen Themen mitteilen? Dann freue ich mich, wenn Sie mit mir Kontakt aufnehmen. Bitte hier klicken.