Post von der Urgroßmutter
Gossip vor 100 Jahren
Lina Lörzer (1876 -1935)
Lina Lörzer, meine Urgrossmutter, hat 10 Kinder auf die Welt gebracht (vier Söhne, sechs Töchter). Ihr ältester Sohn, Gustav Lörzer, ist mein Großvater. Er und seine drei Brüder sind alle als Soldaten im 2. Weltkrieg gefallen. Lina Lörzer hat diese schweren Schicksalsschläge nicht miterleben müssen. Sie starb 1935 an Tuberkulose.
Ein bisschen Gossip, ein bisschen aus dem Alltag, der Garten umgegraben - vielleicht ein neuer Verehrer für eine der Töchter und die Gänse werden fett, damit sie gut schmecken. Und was ist mit der Räucherkammmer?
Es klingt nicht besonders spannend, ist aber ein Highlight am Beginn eines sicher noch viel umfangreicheren Projektes. Mein Cousin Michael schaut gerade durch die vielen Ordner mit Dokumenten und Notizen aus dem Nachlass seines Vaters und ich bekomme die Dokumente dann, um zu schauen, wie sie sich in meine Ahnendokumentation einfügen lassen. Direkt zu Beginn ein Highlight - ein Brief meiner Urgroßmutter Lina Loerzer (geb. Gerullis) vom 09. November 1926 an ihre Tochter Meta Lörzer (spätere Meta Wiemer). Die Anrede "Liebe Kinder" lässt aber darauf schliessen, dass der Brief nicht nur an sie gerichtet war.
Der Brief enthält keine aufregenden Informationen. Wie es scheint wollte die Mutter mit der Tochter eine einfache Konversation starten. Ohne Kontext sind hier auch viele Zusammenhänge unklar. Klar scheint nur, dass sich zwei Personen nicht vertragen. Möglicherweise ein Disput zwischen den Schwestern und der Brief war vielleicht der Versuch eine Schlichtung. Auch andere erwähnte Personen (keine Ahnung von wem Max der Bruder ist) und ihre Bedeutung erschliessen sich hier nicht, da der Kontext fehlt. Aber das ist trotzdem sehr interessant - sechs Töchter, vier Söhne (alle später im Krieg gefallen) und die Familie selbst besaß ein großes Anwesen in Schublau (heutiges Luschki). Gut situiert, würde man heute sagen und damals nicht ahnend, was die Zukunft an schweren Schicksalsschlägen bereit halten würde. Lina Lörzer hat diese Schicksalsschläge nicht mitbekommen. Sie ist 1935 im Alter von 58 Jahren an Tuberkulose gestorben. Die Krankheit wurde erst sehr spät diagnostiziert.
Sehr schön ist die elegante Handschrift, die gleichmässigen Federstriche. Transkribiert habe ich den Text des Briefes mit einer Software, allerdings tun sich viele Lücken auf, was an dem leicht verwischten Schriftbild und den seitlich hinzugefügten Zeilen liegt, die sich nicht wirklich entziffern lassen. Um den Text vergrössert anzuschauen, einfach auf das Bild klicken ... .
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Transkription des Textes, Seite 1/4 Szub.[lauken]. den 4. November 1926. Liebe Kinder! Ich muß doch mal die Feder ergreifen und an Euch mal schreiben. Ich sag schon immer, schreibt doch, aber ist doch keiner zu bewegen; mit den beiden ist überhaupt nichts mehr los, die reden nichts zusammen, gehen auch morgens mehr zusammen, schon wer weiß wie lange nicht; ich ärgere schon so über sie, sie waren doch schon damals, als mir bei Euch waren, [unleserlich] bös und sind noch immer. Itel ist ja auch nicht viel zu Hause, sie geht weg, ohne was zu sagen und ... [unleserlich] wird er und redet nicht viel. Nein, nein das ist schon nicht mehr schön Liebe Methel, du solltest mal kommen und sie zusammen... [unleserlich]. Damals waren sie auf mich böse, das ich zu dir gesagt hatte, daß sie sich gar nicht vertragen, aber da reißt einem doch auch schon die Geduld. Itel war eine Woche bei Loosen(?), vorige Woche. |
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Transkription des Textes, Seite 2/4 Schützenfest, da war doch auch der Max, sein |
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Transkription des Textes, Seite 3/4 war sie hier bei Attorts(?) nähen und |
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Transkription des Textes, Seite 4/4 Schweine sind ja auch noch genug, sind. |
Die letzten geschriebenen Zeilen der Urgroßmutter
Der zweite Brief, ebenfalls von Lina Lörzer, ist undatiert und ein wirklich bedeutendes Dokument. Genau für so etwas, ist so eine Ahnendokumentation gedacht. Das Papier und auch die wesentlich undynamischere Handschrift, sowie die schiefen Zeilen, lassen darauf schliessen, dass dieser Text sehr viel später verfasst sein muss. Die Transkriptions Software gibt hier so gut wie keinen brauchbaren Text aus - da suche ich noch nach anderen Möglichkeiten des Entzifferns. Auf der ersten Seite ein Dank an die Kinder für ein erhaltenes Paket. Auf der 2. Seite dann die Nachricht, dass das Fieber wohl nicht mehr ganz so hoch sei und man sich nun in Gottes Hände begibt - ob Lina Lörzer sich selbst damit meint oder einen anderen Menschen und wie dieser Brief zeitlich einzuordnen ist, kann man nicht mit Bestimmheit sagen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sich das nur auf eine Art erklären lässt ...
Die rote Zeile auf der letzten Seite sind von einer anderen Person geschrieben. Da sich dieser Text in einem Ordner befand, der als Inhalt Briefe von Lina Lörzer an die Tochter Meta beinhaltet, nehme ich folgendes an: Der Brief wurde von meiner Urgroßmutter Lina Lörzer auf ihrem Sterbebett geschrieben und Meta Lörzer hat dies dann kommentiert: "Die letzten Zeilen von Mama" ... .
Ein schönes Dokument, das wir nun in digitaler Form vor dem Verfall gerettet haben.
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