1994 auf Borkum - Ein Kurschatten?
In dem sehr übersichtlichen Nachlass meiner Mutter mit persönlichen Dingen gibt es eine Sache, die ich sehr bemerkernswert finde. Meine Mutter hat nie ein Hobby gehabt oder sich leidenschaftlich für etwas begeistert. Das war auch in der Zeit im Pflegeheim immer frustrierend. Egal ob Puzzle, alte Fotos von früher, einen elektrischen Rollstuhl, einen eBook-Reader - sie hat sich nie dafür interessiert.
Umso erststaunlicher ist die Tatsache, dass es ein von ihr gestaltetes Fotoalbum gibt, in dem sie Fotos, Postkarten und Artikel von ihrem Kur-Aufenthalt auf der Insel Borkum zum Jahreswechsel 1993/94 versammelt hat. Das Album umfasst eine Menge Seiten - die Fotos hat sie mit einer alten Kamera gemacht, die technisch nicht auf der Höhe der Zeit war. Das war noch eine analoge, kleine Kompaktkamera - moderne Kameras waren zu der Zeit noch nicht verfügbar.
Sie hat also diese Fotos alle im Februar 1994 entwickeln lassen und dann dieses Album gestaltet. Mir fällt dabei außerdem auf, dass sie jedes Foto mit Fotoecken sauber eingepasst hat. Also nicht einfach nur aufgeklebt. Jedes Foto (in wie gesagt nicht besonders guter Qualität) wurde sorgfältig in das Album eingefügt.
Da meine Mutter nie sehr selbständig agiert hat und so eine Kur, also für mehrere Wochen allein unterwegs zu sein, vermutlich eine einmalige Sache in ihrem Leben war, könnte man annehmen, dass dies allein schon für sie etwas besonders gewesen sein muss. Eine Art ungewohnte Selbständigkeit, die sie dokumentiert hat - so etwas kennt ja jeder. Aber das glaube ich nicht, denn eine Nordseeinsel war für sie nichts besonderes. Sie ist mit meinem Vater und manchmal auch mit Schwester und Schwager einmal im Jahr auf der Insel Föhr gewesen und kannte dies bereits. Ich glaube, dass hier mehr dahintersteckt.
Als ich meine Mutter vor einiger Zeit mal auf dieses Album angesprochen hatte, meinte sie nur "Ach, das kann eigentlich weg" - 30 Jahre zuvor waren die Eindrücke jedoch wichtig, sonst hätte sie nicht so viel Zeit und Mühe investiert.
Ich selbst habe an diese Zeit, Anfang der 1990er Jahre in Bezug auf die Beziehung zu meinen Eltern keine guten Erinnerungen. Es war die Phase, in der ich Abitur gemacht und zwar noch zu Hause gewohnt, aber mit meinen Eltern so gut wie gar nicht geredet habe - das war damals eine schwierige Zeit. Aber ich meine mich erinnern zu können, dass meine Mutter damals dann regelmässig Post von jemandem bekommen hat.
Nun, lange Ausschweifung - einfacher Sinn: Ich denke, meine Mutter hatte sich einen "Kurschatten" angelacht. Das darf man sich jetzt nicht als Affäre vorstellen (dazu wäre meine Mutter nicht bereit gewesen), aber ich denke, dass da jemand war, der sie vielleicht umworben hat und vermutlich hat ihr das gut gefallen.
Es gibt auch ein Foto in diesem Album, welches diese Vermutung zu bestätigen scheint. Die innige Zuwendung des unbekannten Herrn, das Bier auf dem Tisch und die scheinbar etwas distanzierte Aufmerksamkeit meiner Mutter, sind schon ungewöhnlich.
Aber um das deutlich zu sagen - diese Geschichte von der Kur und dem Kurschatten ist nichts, was ich im Nachhinein negativ beurteilen würde. Ganz offensichtlich hat diese Kur, diese Selbständigkeit und auch die Offenheit gegenüber anderen Menschen meiner Mutter sehr gut getan. Es hat sie dazu animiert etwas zu tun, was sie sonst nicht getan hat - nämlich dieses Fotoalbum mit einer für sie völlig untypischen Begeisterung anzulegen.
Hier die Fotos aus dem Album, die meine Mutter zeigen.
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Hier das gesamte Album als PDF - auch mit Fotos der Lokalitätem und Ergänzungen mit eingeklebten Postkarten.








