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Die Briefe von Gustav Lörzer

Brief 13

Datum: 10. November 1944
Ort: Heiligenbeil [1]

Mein liebes, innig geliebtes Frauchen!

Drei Briefe auf einmal, nachgesandt aus Rauschen, habe ich heute von Dir erhalten. Sie sind schon überholt durch den gestrigen Brief, aber trotzdem habe ich mich sehr gefreut. Gefreut vor al­lem habe ich mich über Deine lieben Zeilen, dass Du mich mit allen Fasern Deines Herzens liebhast und mich auch ganz toll liebhaben willst. Ach, Puttilein, es ist doch schön, wenn man sich so sehr viel Liebes zu sagen hat, so als hätten wir uns erst jetzt gefunden. Ich freue mich über Deine lieben Worte bestimmt ebenso wie Du über meine. Würden wir uns freuen, wenn wir uns nicht so liebhätten? Ja, mein Frauchen, mein liebes, Du und unsere Kinder, ihr bedeutet mir doch alles in meinem Leben. Wenn ich manchmal so nachdenke und denke, dass man mir euch einmal nehmen könnte, dann wäre mir alles gleich. Mein erstes wäre dann an die Front, noch möglichst viele der am Krieg Schuldigen mitnehmen und dann fort von dieser Welt. Doch wir wollen nur hoffen, dass wir uns alle einmal wiedersehen und uns dann unsere Liebe beweisen können. Ach. Muttilein, ich wünschte, ich könnte bei Dir sein und Dir alle Deine Sorgen abnehmen, Dich in meine Arme nehmen und vor allem Dich trösten, wenn das Kleine kommt. Vielleicht, wenn Du diesen Brief erhältst, ist es schon so weit. Und nun kann ich nicht einmal von hier aus telefonieren. Die Post ist hier so belastet, dass sie die Annahme von Privatgesprächen ablehnt. Du wirst nun vergeblich auf einen Anruf warten.

Wegen der Wohnung, Puttichen, da kann ich ja nicht viel sagen, weil ich diese nur vom Hören kenne. Du musst zuerst einmal ganz genau überlegen, ob diese für Dich zu kalt sein wird, wenn es richtig friert. Dann kommt dazu, wie würde die neue Wohnung sein. Wenn Du in der Stadt eine Wohnung mit 2 Zimmern bekommst und vielleicht in einem Zimmer Deinen Kochherd auf­stellen kannst, dann würde ich Dir für einen Umzug raten. Bei Küchen[anteil]{.underline} wäre die Sache schon fraglich, denn bedenke, bei 6 Kindern würde der Kücheninhaber bald meutern und, so wie ich mein Frauchen kenne, würde diese aus Angst nichts mehr zu sagen wagen. Ist nicht jemand, der wie wir in Neuhausen seine Wohnung nicht bewohnt? Für Dich, mein liebes Frauchen, würde ich mich ja sehr freuen, wenn Du etwas in der Stadt bekommen würdest. Aber zuerst wirst Du ja jetzt abwarten müssen, bis Du aus dem Krankenhaus zurückkommst. Ich glaube, dann wirst Du alles etwas heller sehen. Und wenn Du dann glaubst, Du hast etwas, was für euch besser ist, dann greifst einfach zu. Kartoffeln kann ich Dir leider nicht schicken, weil ich von hier aus nicht so leicht nach Neuhausen komme. Ich hoffe noch immer, dass sich doch jemand von meinen Ge­schwistern dort einfindet und dass diese es dann schicken können, wenn es möglich ist. In der Zeitung befindet sich heute eine Bekanntmachung, dass Kartoffeln nicht als Fracht angenommen werden dürfen.

Von Gretel war bisher nichts zu hören. Du meinst, sie werden sich nicht mutwillig in Gefahr begeben haben? Ja, wenn die Partei sie nicht fortließ? Erika soll geschrieben haben, dass sie gerade noch nachts um 24 Uhr fortkamen, in Nemmersdorf von den Russen eingeholt wurden und Fürchterliches erlebt haben. Wenn nun Gretel nicht so schnell fortgekommen ist?

Ich habe heute den 3. Tag in Heiligenbeil hinter mir. Noch ist mein Vorgänger immer da, und er will wohl auch noch etwas bleiben. Soll er; wenn ich dann übernommen habe, glaube ich, es wird mir recht gut hier gefallen. Soeben habe ich meine Kisten ausgepackt und den Radioapparat, die heute ankamen. Sind die Pakete schon da und der Kochherd?

Mein herzliebes Frauchen, ich grüße Euch alle herzlich, Dir einen langen Kuss

Von Deinem Gustav

Kinderlein alle, ich grüße Euch herzlich, besonders die beiden kleinen Mädchen. Seid immer recht lieb zur Mutti und helft ihr brav

Euer Papi

Fussnoten

  1. Heiligenbeil, Ostpreussen, heutiger Name Mamonowo. 50km südwestlich von Kaliningrad, ehemals Königsberg.