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Die Briefe von Gustav Lörzer

Brief 16

Datum: 16. November 1944
Ort: Heiligenbeil [1]

Mein liebes Frauchen!

Nun hast Du 2 Tage von mir keine Post erhalten und dabei schreibst Du mir selbst solch liebe Briefe, dass ich immer staunen muss, wie Du Deinen Gefühlen Worte verleihen kannst. Mir feh­len immer die Worte. Na, aber von jetzt ab schreibe ich wieder regelmäßig. Vorgestern um 16^00^ Uhr fuhr ich von hier ab. In Königsberg kam ich abends nicht mehr nach Insterburg weiter. Erst am nächsten Tag um ½11 Uhr. Ich fuhr daher zur Nacht nach Neuhausen. Als ich um 22^00^ Uhr ankam, fand ich Langankes dort, lagen schon beide zusammen in meinem Bett. Die Woh­nung war ungeheizt und daher nicht sehr gemütlich. Ob sie bleiben, weiß ich nicht, jedenfalls habe ich ihnen gut zugeredet. Vielleicht bleiben sie auch, wenn sie erst merken, wie gemütlich es ist, wenn die Wohnung warm und eingerichtet ist. Habe ihnen gesagt, sie sollen die Hähnchen schlachten und an Dich abschicken. Schreibe ihnen nur gleich, Willi soll Kisten besorgen, Kartof­feln einpacken und über den Fliegerhorst abschicken. Ich werde auch noch schreiben.

In Insterburg war ich um 13^00^ Uhr. Ich fuhr noch schnell per Rad zum Fliegerhorst. Dann unterhielten wir uns bis 19^30^ Uhr und nun um 20^14^ Uhr fuhr mein Zug wieder ab, so dass ich um 24^00^ Uhr [zu Hause]{.underline} war. Ja, Wiemers haben auch einen Brief von Gretel bekommen. Die Russen waren schon durch, da türmten sie mit dem Wagen und sind auch durchgekommen. Erika war auch unter den Russen. Sie schreibt, wie beim Morgengrauen einige Gestalten zwischen den Wagen durchschlichen, waren das deutsche Soldaten und 20 Schritte dahinter Russen. Sie wurden einzeln, auch am Körper durchsucht und abgetastet und sollten nun nach Hause fahren. Als sie aber in Escherischken (Teichhof, zwischen Schublau und Nemmersdorf gelegen -- UL) erschossene Frauen und Kinder im Straßengraben sahen, da versuchten sie nach einer anderen Richtung die Flucht und kamen durch. Junkuhn, Emil Lörzer, Meinekats, Otto Schneider sollen abgebrannt sein, aber etwas Genaues weiß man nicht. Der Landjäger Schmidt (weißt, den wir damals abends im Graben hinter der Schmiede in Schublau mit den anderen sitzend fanden), soll auch gefangen und erschossen sein. Erika hat gesehen, wie sie mit ihm loszogen.

Muttichen, liebes, wir wollen schon tapfer und still sein, wenn wir voneinander wissen, dass wir gesund sind und uns liebhaben. Es muss dann ja auch einmal die Zeit kommen, wo wir uns wie­der haben und uns so recht von Herzen liebhaben können. Nicht nur schriftlich, sondern...Ach Puttilein, Du schreibst, dass Du mich so unendlich liebhast und ich freue mich wie sonst was darüber. Nun geht es ja nicht anders, nur, dass ich vielleicht durch meinen Dienst mehr abgelenkt werde. Auch bei mir hängt mein Frauchen an der Wand, die Bilder der Kinder und Onkel Ottos (?) stehen auf dem Schreibtisch. Nur von unserer kleinen frechen (?) Jüngsten habe ich kein Bild­chen. Mit dem Bett ist das so eine Sache, es steht hier drin, aber ich bin dafür, ich schmeiße es auf alle Fälle raus, damit Du dann später auch Wort halten musst.

Bis jetzt habe ich immer mit meinen Furunkeln zu tun gehabt. Eines verschwand, das andere kam zum Vorschein. Nun aber scheint Schluss zu sein. In den Kreisen an der Front (?) gibt es Fleisch in Hülle und Fülle. Aber so in Insterburg ließ sich in den ganzen Stunden nichts organi­sieren. Paul hat sich seit September noch immer nicht gemeldet, auch Heini nicht.

Nun mein liebes Frauchen, mein Liebstes auf der Welt, grüße ich Dich und die Kinder herzlich. Dir einen lieben Kuss

Gustav

Den Kindern vielen Dank für die Briefe

Fussnoten

  1. Heiligenbeil, Ostpreussen, heutiger Name Mamonowo. 50km südwestlich von Kaliningrad, ehemals Königsberg.