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Die Briefe von Gustav Lörzer

Brief 17

Datum: 16. November 1944
Ort: Heiligenbeil [1]

Mein liebes Frauchen!

Am Nachmittag habe ich einen Brief an Dich abgeschickt. Jetzt bin ich also noch nicht zum Schreiben dran. Aber ein Weilchen muss ich mich doch mit Dir unterhalten. Jetzt müsste man Telefon im Zimmer haben und sich unterhalten können mit Muttilein, so lange man will. Wenn mein Vorgänger fort ist werde ich übrigens in der Wohnung Telefon haben, nur leider darf man privat kaum sprechen. Sonntag aber werde ich versuchen, wieder anzurufen. Vorhin habe ich an Itel geschrieben, was Du für Wünsche betreffend Kartoffeln, Karotten usw. hast. Muttichen, liebes, wenn Deine schwere Stunde beginnt, dann möchte ich bei Dir sein und Deine Hände und Dein Gesicht streicheln. Denke daran, wenn ich diesmal nicht persönlich anwesend sein kann, so bin ich's doch in Gedanken. Metel habe ich gesagt, dass doch wenigstens einer rüberfahren könnte, dann könnten sie doch auch Kisten hinschicken, so viel sie wollten, weil sie dann selbst für Abfah­ren und Unterbringen sorgen könnten. Jetzt werden immer noch mehr Kreise evakuiert. Wann wohl wird es damit aufhören? Wenn man im Zug fährt, braucht man selbst nichts erzählen, son­dern nur zuhören und man erfährt das ganze Leid, das auch die anderen alle betroffen hat. Wir sind ja nun dabei besonders schlimm dran. Wenn man bedenkt: Otto, Gustav, Erich, dann Pauls und Heinis Schicksal fraglich, Erich Preuß ein Bein verloren, jetzt Itel, Gretel und Erika ohne Heim, Du mit den Kindern ebenfalls ohne eigenen Hausstand. Erwin und die etwas ferneren Verwandten, die gefallen sind, gar nicht mitgezählt. Von denen, die die USW(?) nach Sachsen verschickt hat, hört man verschiedene Berichte, dem einen geht es gut, die anderen klagen. Ich bin im Stillen doch froh, dass ihr da nun angekommen seid. Wenn es auch nicht besonders ist, viel­leicht trifft sich ja doch auch noch was Anderes in der Stadt, damit ihr es wärmer habt. Wenn Du, mein Frauchen, erst alles hinter Dir hast und ein kleines Kindlein mehr zu betreuen, dann wirst auch wieder mehr Mut und Lust zu allem haben und wirst schon über den Winter kommen. Kommt ihr immer mit dem Brot aus? Dass Du nur ja keine Wurst und dergleichen schickst, die ist für euch. Ich verhungere hier schon nicht.

Was gibt es sonst in Rummelsburg Neues? War Herr Krebs noch einmal da? Falls er kommt: bestelle einen schönen Gruß von mir. Wo mögen die anderen Bekannten alle stecken? Ein Kino haben wir hier auch, aber bisher bin ich noch nicht dort gewesen. Z. Zt. gibt es „Immensee".

Und nun, mein liebstes, bestes Frauchen, grüße ich Dich herzlich und gebe Dir in Gedanken einen langen Kuss. In Natura hole ich alles beim nächsten Wiedersehen nach.

Grüße auch die Kinder vom Papi. Die Jungs sollen immer brav sein und der Mutti helfen, und die beiden kleinen Mädchen sollen Mutti immer recht liebhaben, dann freut sich der Papi.

Fussnoten

  1. Heiligenbeil, Ostpreussen, heutiger Name Mamonowo. 50km südwestlich von Kaliningrad, ehemals Königsberg.