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Die Briefe von Gustav Lörzer

Brief 18

Datum: 17. November 1944
Ort: Heiligenbeil [1]

Zum ersten Mal bin ich hier im Kino gewesen, „Immensee". In der Hauptsache bin ich gewesen, um mir die Einrichtung des Kinos anzusehen, muss ich doch alles in meinem Bereich kennen und wissen. Auch sonst habe ich heute Nachmittag schon organisiert, vor allem eine Flasche Cognac für meinen Einzug. Viel ist's nicht, aber immerhin etwas. Als ich aus dem Kino ins Kasino kam, wurde ich mit Hallo von denen, die schon dort saßen, empfangen. Man hatte sich wohl ge­rade davon unterhalten, wie man das Weihnachtsfest gemütlich gestalten könnte, und ich kam nun als zuständige Person gerade an. Vor allem etwas beschaffen soll ich, Fische, Kuchen usw. Na ja, es ist ja alles recht schön und gut, aber nicht einfach, wenn man Neuling ist. Doch vielleicht kann ich dagegen (?) Rotwein geben. Jedenfalls muss ich mindestens versuchen etwas zu machen. Wenn ich zu Weihnachten so 3 -- 4 Gänse hätte, würde ich denen schon was vormachen, aber stehlen kann man auch nicht gut. Ja, Frauchen, Du wirst sagen, hat der Mann Sorgen. Doch es ist nun mal so, wenn ich den Herren etwas um den Mund schmieren kann ist's gut. Damit will ich nicht sagen, dass sie mir sonst nicht wohlwollen, o nein so ist's nicht, aber freuen tun sie sich schon, wenn etwas da ist.

Und wie mag es jetzt Dir, mein liebes Frauchen, ergehen. Ich muss jetzt so oft an Dich denken. Dann wünsche ich immer mir, dass Du alles Schwere schon hinter Dir hättest und bald schon aus dem Krankenhaus raus zu den Kindern kämst. Ich glaube, wenn Muttilein wieder nach Hause kommt, wird das Freudengeschrei doch groß sein. Sie hängen ja doch zu sehr an der Mutti, nicht nur die Kinder, sondern auch der Papi, der wohl noch am meisten. Wie leicht werde ich beim Wiedersehen in Versuchung geraten wieder alle Vorsicht zu vergessen. Doch jetzt will ich stand­haft bleiben, sonst müssten wir ja, na ich sag' schon nichts. Was ich so allerhand für Gedanken habe, nicht? Doch wenn ich mir mein Frauchen so vorstelle, wie ich sie manchmal in den Arm nahm, dann kommen solche Gedanken ganz von selbst. Übermorgen werde ich versuchen anzuru­fen, hoffentlich klappt's und ich kann meines lieben Frauchens vertraute Stimme hören. Es ist dann so, als höre ich die ganze Heimat wieder.

Und nun, mein liebes Puttilein, einen herzlichen Kuss und viele liebe Grüße

Gustav

Grüße auch Klein Eddalein vom Papi, ein Küsschen schenke ich ihr (die Tinte ist alle), weil sie immer so lieb und brav ist. Dorchen aber auch ein Küsschen und den Jungs einen Gruß Papi

Immensee

Der Film "Immensee" war ein Werk des Regiesseurs Veit Harlan war ein Kassenschlager und eine Verfilmung einer literarischen Vorlage von Theodor Storm. Eine in 4K restaurierte Fassung dieses Farbfilms kann man hier anschauen. Ich finde das sehr nostalgisch, wenn ich mir vorstelle, dass mein Großvater damals seinen Alltag für eine Weile vergessen konnte, sich diesen Film angeschaut hat und ich kann dies nach so vielen Jahrzehnten ebenfalls tun. Eine Arte visuelle, gedankliche Brücke in die Vergangenheit.

Fussnoten

  1. Heiligenbeil, Ostpreussen, heutiger Name Mamonowo. 50km südwestlich von Kaliningrad, ehemals Königsberg.