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Die Briefe von Gustav Lörzer

Brief 19

Datum: 18. November 1944
Ort: Heiligenbeil [1]

Mein liebes Frauchen!

Heute habe ich ein Paket erhalten und mich über alles sehr gefreut. Du denkst an alles, Seife, Strümpfe, Tabletten, Streichhölzer, Zigaretten, Wäsche und Nahrung. Alles kann ich gut ge­brauchen. Wegen der Lebensmittel -- Wurst -- weiß ich allerdings nicht, soll ich schimpfen oder Dich loben. Schimpfe ich, dann tue ich Dir weh, weiß ich doch, mit wie viel Liebe Du alles einge­packt hast; lobe ich Dich aber, dann schickst Du mir womöglich bald wieder etwas und das sollst Du doch nicht. Ihr braucht das bisschen alles für euch selbst. Ich komme mit meiner Verpflegung hier aus. Also, mein gutes Frauchen, schicke nicht mehr Lebensmittel, sondern pflege Du Dich lieber selbst. Doch das ändert nichts daran, dass ich mich über alles gefreut habe. Wie soll ich mich nun revanchieren? Wenn ich wenigstens hin und wieder bei Dir sein könnte, dann würde sich das sicher auswirken, weißt ja wie Puttichen. Also Puttichen, schimpfe mich nicht, wenn ich schimpfe, gefreut habe ich mich doch, weiß ich doch, dass Du mir nur Liebes damit tun willst.

Von Metel erhielt ich heute ganz kurz eine Karte. Sie teilt mit, dass die „Kuttkuhner" aus Sachsen geschrieben haben, dass unser Haus auch abgebrannt ist. Wer in Schublau gewesen ist, weiß ich nicht, jedenfalls ist jemand dort gewesen. Von allen ist Nachricht da, nur nicht von Karohsens und Hammers, die sind bisher verschollen.

Für jetzt mittags genug. Am Abend schreibe ich weiter.

Der Tag ist zu Ende, Was wohl mein Frauchen jetzt macht? Ach Puttilein, ich wünsche ja so sehnlichst, dass die Nachricht kommt, alles glücklich vorüber und Du wohlauf. Nun ist es ja wohl wirklich soweit. Dann wärst Du zu Weihnachten auch aus dem Gröbsten raus. Ich bin mit meinen Gedanken immer bei Dir. Wenn ich dabei war, ich glaube, dann war ich viel ruhiger als jetzt. Es geht uns scheinbar beiden gleich. Schön ist's aber doch, das zu wissen. Ich glaube nicht, dass sich andere so liebhaben können, wie wir beide.

Muttichen, wo sind meine Mäntel verpackt? Ich habe hier nur den Regenmantel. 2 sind in einer Deiner Kisten und den Kommissmantel habe ich, als es hieß, von Rauschen geht es weiter nach Pommern, in einer Kiste vorausgeschickt nach Landsberg a. d. Warthe. Nun muss ich warten bis ich den gelegentlich zurückbekomme. Aber vielleicht borge ich mir hier einen. Das sind allerdings alles alte, gebrauchte Mäntel. Vielleicht könnte ich meinen Kommissrock umtauschen, wenn ich ihn hätte. Hast Du Dir wenigstens den warmen Mantel vorgesucht? Steht die Kiste noch bei Bruß? (?) Und ist die Bescheinigung vom Bürgermeister Neuhausen eingegangen? Ob Itel schon die Hühnchen an Dich abgeschickt hat? Grüße mir unsere Kinder vom Papi. Sind sie auch alle immer recht artig und hilfsbereit gegenüber der Mutti? Ob in diesem Jahr der Weihnachtsmann kommen wird? Grüße die kleinen Mädchen und gib ihnen ein Küsschen vom Papi.

Dir würde ich die Küsse gerne hundertfach zurückgeben, wenn ich es könnte. Mit den herzlichsten Grüßen Gustav

Fussnoten

  1. Heiligenbeil, Ostpreussen, heutiger Name Mamonowo. 50km südwestlich von Kaliningrad, ehemals Königsberg.