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Die Briefe von Gustav Lörzer

Brief 20

Datum: 19. November 1944
Ort: Heiligenbeil [1]

Mein liebes Frauchen!

Vorhin habe ich wieder einmal Deine liebe Stimme am Telefon gehört. Ach, Frauchen, die Sehnsucht nach dem liebsten Menschen könnte einen dann packen, dass man die Zähne zusam­menbeißen muss. Vor allem, wenn man weiß, dass man zu Hause Muttichen gerade in dieser Zeit allein durch das „Dasein" ein Trost und eine Hilfe sein könnte. Doch es darf nicht sein und drum ist es besser man schweigt. Soeben habe ich auch Briefe an Paul und an Stabszahlmeister Göhler in Landsberg (wo sich mein Mantel und anderes befindet) beendet. Puttichen kommt als Letzte an die Reihe, weil ich da doch mehr Zeit haben muss, eben, weil der Brief dabei so viel län­ger ausfällt. Nun werdet ihr hoffentlich auch schon den Herd eingebaut haben. Habt ihr euch we­gen der Höhe der Miete schon einmal an die NSV oder an den Bürgermeister gewandt? Dem Kerl müsste man doch einen Streich spielen. Der soll mir nicht in die Quere kommen, falls ich das Glück haben sollte, einmal in Urlaub zu kommen. Lass Dich nur nicht beirren, wasche die Wä­sche wie bisher, nur, wenn er nochmals so flegelhaft ins Zimmer kommt, dann weise ihm die Tür. Er hat in Deinen Räumen nichts zu suchen. Kannst ihm einen Gruß bestellen, er soll sich von mir Unterricht geben lassen über und wie benehme ich mich gegenüber einer Deutschen Frau und Mutter. Dieser Stoffel, dieser blöde.

Mich fängt man allmählich an zu quälen, von wegen Ausgestaltung der Weihnachtsfeiertage im Kasino. Wo kriege ich Hasen oder Gänse oder Fische her? Woher Fett zum Braten? Wie backe ich Kuchen und woher Kaffeebohnen? Was gibt es zu trinken? Das sind meine Sorgen, die mir aber Spaß machen, ist es doch etwas anderes als dort beim Luftgaukommando nur Akten zu wälzen. Die sind übrigens von Rauschen wieder nach Königsberg gezogen bis das neue Quartier weiter westlich fertig ist.

Ob meine kleine Eddamaus mich noch kennen würde, wenn ich wiederkäme? Die wird mich nur noch als Fremdling betrachten und schief angucken. Wenn nur Du, mein geliebtes Frauchen, bald wieder alles hinter Dir hättest und schon munter wärest. Aber lass Dich nicht verleiten, zu früh aufzustehen, so gern Du's auch möchtest. Wenn die Dich dort raus haben wollen, dann sag auch mal etwas gegen Dein Gefühl, aber was wahr ist: Dass sie Dich noch etwas behalten sollen, weil Du einmal in Deinem Leben etwas von der Arbeit ausruhen möchtest, da Du zu Hause so­fort von den Kindern beansprucht würdest. Ich würde meinem Puttichen ja ein paar Ruhetage, ob­gleich sonst schon gesund, so von Herzen gönnen.

Ich habe Dich herzlich lieb, mein Frauchen und küsse Dich in Gedanken herzlich

Gustav

Fussnoten

  1. Heiligenbeil, Ostpreussen, heutiger Name Mamonowo. 50km südwestlich von Kaliningrad, ehemals Königsberg.