Die Briefe von Gustav Lörzer
Brief 21
Datum: 21. November 1944
Ort: Heiligenbeil [1]
Mein liebes Frauchen!
Auch heute wollte keine Post von dir kommen. Ganz vor Toresschluss aber
traf dann doch noch das Päckchen und ein Brief ein. Ich danke Dir recht
herzlich für alles, Puttichen. Ich freue mich über alles, aber Fleisch
und Butter schicke ich demnächst, wenn Du euch noch mal solche Sachen
vom Mund absparst, postwendend zurück. Schone Dich lieber etwas, damit
Du Dich etwas pflegen kannst, nötig wirst Du es bestimmt haben.
Ja, mein Puttichen, mein liebes, wann „es geschah" das weiß ich auch
nicht. Wann waren wie so leichtsinnig? Das macht's bei uns alles nur,
weil wir uns so liebhaben. Nur deshalb vergessen wir alles andere. Ich
muss wohl noch viel vorsichtiger und kühler werden, oder nicht? Wenn ich
jetzt mein Puttichen bei mir hätte, ich glaube, auch wenn Gefahr wäre,
ich könnte wieder alles vergessen. Aber nein, schon, weil mein Frauchen
ja doch wieder die Leidtragende ist, muss ich von jetzt ab viel ruhiger
sein. Es kann meinetwegen auch eine Sabine oder Rosemarie sein.
Und Deine Eltern sollen auch fort. Ja, bald wird es ja im Osten auch
wieder losgehen. Der Russe hat wohl schon eine Zeitlang Atem geholt.
Hoffen wir, dass wir ihm standhalten können. Doch besser ist schon, die
Eltern machen sich rechtzeitig aus dem Staub, ehe es ihnen so geht wie
meinen Schwestern. Und Anna wird dann wohl bald Deine neue Heimat mit
Dir teilen. Hat sie uns früher mal in Stolp besucht? Dann würde sie sich
gleich etwas heimischer fühlen. Muttichen, die Stiefel musst Du Dir erst
dichtmachen lassen, denn soviel ich mich entsinne waren sie nicht
wasserdicht. Was erzählte Frau Döring denn so alles, ist er noch zu
Hause? Habt ihr auch Platz zum Schlafen? Ich muss doch auch für euch
einmal ein Päckchen machen. Was ich hineintun soll. weiß ich allerdings
nicht, aber wenn es nur alles Kleinigkeiten sein sollten, es ist doch
etwas.
Das wollte ich schon lange immer fragen: ist die 2. Kiste von Erika
damals auch angekommen? Du schreibst doch, dass eine Kiste fehlte. Ich
lege 3 Abschnitte über die 3 Pakete, die ich von Rauschen abschickte,
bei. Jedes Paket war mit 200,- RM versichert. Falls Du das eine nicht
erhalten hast, kannst vielleicht am Packpapier feststellen, welche Nr.
fehlt und die 200,- RM für das 3. reklamieren. Ich glaube, etwas
Besonderes war nicht darin, nur noch ältere Wäschestücke aus dem
Schrank, aber auch der eine schmutzige sonst gute Bettbezug.
Mein liebes gutes Frauchen, wieder ist ein Tag um und ich weiß nie wie
es Dir geht, muss immer warten, wohl im Stillen mehr als Du selbst.
Ich grüße Dich herzlich, behalte mich immer so lieb wie ich Dich. Einen
herzlichen Kuss von Deinem Gustav
Wie geht es meiner kleinen Eddamaus, Dorchen und den Jungs? Herzliche
Grüße von Papi