Die Briefe von Gustav Lörzer
Brief 26
Datum: 27. November 1944
Ort: Heiligenbeil [1]
Mein liebes Frauchen!
Weil gestern kein Brief von Dir eintraf, hoffte ich heute auf 2, doch
keiner traf ein. Wenn ich gestern nicht mit Dir gesprochen hätte, würde
ich annehmen, dass Du schon im Krankenhaus seiest oder dass Du mir
untreu geworden bist. Oder trifft letzteres trotzdem zu? Doch nein, das
glaube ich nicht. Ich brauche mir nur Dein liebes Gesicht vorzustellen,
Deinen lieben Mund, den ich so gerne küssen möchte und Deine guten
Augen, dann weiß ich, dass ich auf mein liebes Frauchen vertrauen kann.
Mein Vorgänger ist heute abgefahren und sein Amt auf mich übergegangen.
Nun werde ich mir in die Hände spucken und mich an die Arbeit machen.
Na, Bange habe ich nicht, ich werde mich schon allmählich hineinfinden.
Heute am ersten Tag war gleich so allerlei los. Morgens gleich erfuhr
ich, dass irgendwo eine unserer Baracken gebrannt hatte, dann war an
einer Stelle eingebrochen und geklaut worden und schließlich kam der
Befehlshaber um 11^00^ Uhr uns besuchen. Der Tag verging wie im Fluge.
Jetzt werde ich diesen Brief schreiben, dann mich ins Bett legen und
noch lesen. Vor dem Schlafen aber will ich noch ein wenig an meine
Lieben denken, in der Hoffnung, dass ich dann im Traum bei Dir, mein
Puttichen, weile. Von der Wand schaust Du (Dein Bild) mich an, als
wolltest Du sagen, ja, lieber Mann, träume von mir und habe mich recht
lieb.
Hoffentlich bekomme ich morgen von Dir einen Brief, sonst fehlt mir
etwas und ich weiß dann gar nicht mehr wie es euch geht. Wann bekomme
ich die Maße für die Mützen der Jungens? Heute bekam ich auch die
Rechnung für meinen Antrittsabend. Weißt Du, Frauchen, was mir der Abend
kostet? Ich habe einen Schreck bekommen, 85,- RM muss ich bezahlen. 2
Flaschen Cognac allein kosten schon 60,- RM. Nun bin ich vollkommen
blank. Mir tut es ja so leid, dass ich Dich nun auch damit belästigen
muss, aber sobald Du Geld hast, schicke mir etwas, damit ich hier nichts
schuldig bleiben muss. Mit dem nächsten Gehalt muss ja auch die große
Nachzahlung von mehr als 1000,- RM kommen. Jetzt muss ich nur noch etwas
für Dich, mein Puttilein, zu Weihnachten finden und für die beiden
kleinen Mädels, aber was? Von Paul habe ich noch immer keine Nachricht.
Hat Itel mal geschrieben, ob sie was von ihm gehört hat? Wie mag es der
Schwägersche (?) in Stolp ergehen? Jetzt, mein liebes Frauchen, wünsche
ich Dir wieder einmal eine gute Nacht. Einen lieben Kuss und viele
Grüße
Gustav
Den Kindern auch die herzlichsten Grüße und den beiden Mädchen einen
Kuss vom Papi. Wer von den Jungs lernt am besten, und was macht
Eddalein, wenn die anderen in der Schule sind?