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Die Briefe von Gustav Lörzer

Brief 32

Datum: 05. Dezember 1944
Ort: Heiligenbeil [1]

Mein liebes Frauchen!

Wieder ist ein Tag vergangen. Von Dir erhielt ich den Brief vom 30. 11. 44. Wie aber mag es jetzt bei euch aussehen? Ob schon eine Veränderung eingetreten ist? Ja, Puttichen, liebes, ich muss nun warten und nochmals warten, das macht mich ganz verrückt hier. Doch ich will nicht murren, Du hast ja auch lange geduldig warten müssen. Ich glaube immer, jetzt hast Du´s hinter Dir. Ich sehe Dich im Geiste glücklich im Bett liegen, wie Du freudig sagst: Ich bin ja so glücklich. Und da möchte ich doch zu gerne bei meinem Frauchen sein und mich an der Freude mitfreuen. Ja, Muttichen, es ist nicht so, dass ich in Verbindung mit dem Wiedersehen immer nur an das andere denke, o nein. Ich möchte mich zu gerne an Deinem Glück freuen und sonst ganz wunschlos sein. Oder nein, einen Wunsch hätte ich dann doch, dass mich mein Frauchen mit glücklichem Lächeln ansähe, mit einem Blick, in dem ihre ganze Liebe liegen würde. Was Dein Mann schon wieder faselt, was?

Was schreiben unsere Angehörigen denn so? Mir hat in letzter Zeit außer Itel niemand ge­schrieben. Und der werde ich auf dem Deckel geben, wenn sie Dir nicht bald die Hühnchen schickt. Größer und fester brauchen die nicht mehr zu werden. Die Hauptsache ist, Du hast et­was, womit Du Dich etwas gütlich tun kannst. Habt ihr schon eine Geflügelzuteilung bekom­men? Jetzt klingt mir das linke Ohr, sicher denkt mein liebes Frauchen an mich.

Und Dorchen hat die „dicke Frau" getroffen. Es ist schon so, die sollen bleiben wo sie sind. Wir denken noch daran wie die sich alle einbildeten, sie könnten sich bei uns satt essen, ohne Marken und ohne Geld, wenn sie nur mit den Kindern mal ein freundliches Wort sprachen, ohne auch nur sonst zur Hilfe einen Finger krumm zu machen. Die können uns alle einmal! Mein Gehalt ist doch höher als dem guten jetzigen Regierungsrat Schultze seines. Soeben singt im Radio Leo Slezak: Das Schicksal setzt den Hobel an und hobelt alles gleich. Und so ist es auch, auf dieser Welt ist einer dem anderen sein ...(?) und am Ende sind doch alle gleich.

Lieber Joachim, wenn es auch schwerfällt, nicht nachlassen im Lernen. Nimm Dir besonders die Rechtschreibung vor und achte beim Lesen von Büchern darauf, wie alles geschrieben wird. Deutsch bleibt immer Hauptfach und ausschlaggebend. Wenn die Schule da streng ist, dann ist das für später nur gut. Und Du, Muttichen, musst Dir nicht zu viel Sorgen damit machen. Wenn die Kinder gesunden Ehrgeiz haben, dann beißen die sich schon durch. Dorchen schreibt übrigens immer sehr schön und auch fast fehlerfreie Briefe, also ist unsere Tochter doch nicht schlecht in der Schule. Dass unsere kleine wilde Hummel immer munter ist, freut den Papi. Damit Uli und Reini nicht verschlafen, werde ich doch mal die Uhren von Neuhausen kommen lassen müssen.

Muttichen, liebes Frauchen, ich grüße Dich herzlich. Einen lieben langen Kuss und gute Nacht

Gustav

Fussnoten

  1. Heiligenbeil, Ostpreussen, heutiger Name Mamonowo. 50km südwestlich von Kaliningrad, ehemals Königsberg.