Zum Inhalt

Die Briefe von Gustav Lörzer

Brief 33

Datum: 10. Dezember 1944
Ort: Heiligenbeil [1]

Mein liebes liebes Frauchen!

Nun habe ich meine Woche Offz. V. Dienst bald um. Noch diese Nacht, morgen früh, über­gebe ich den Dienst an einen anderen. Dann ziehe ich wieder in meine kleine Wohnung ein. Dort wäre es am schönsten, wenn mein liebes Frauchen auch da wäre; aber noch nicht, noch wäre es nicht gut, denn ich „oller Knacker" würde mich wieder nicht bremsen können, und das wäre am 4. Tag nach der Geburt der kleinen Maus doch nicht gut. Aber gerne hätte ich mein Frauchen schon hier. Nun wurde heute ein Befehl des Kommandierenden Generals verlesen, dass auf sämtlichen Horsten jeglicher Besuch von Angehörigen verboten ist. Mehrere andere, die gerade ihre Frauen bestellt hatten, mussten gleich abschreiben. Nun könnte man sich höchstens irgendwo in Heiligen­beil treffen, aber da wird ja alles überfüllt sein. Ob ich dem Kommandanten später den Vorschlag mache, das Krankenhaus, das ganz leer steht und außerhalb des Horstes liegt, zur Verfügung zu stellen? Aber mit welchen Gedanken ich mich auch so trage. Eigentlich wollte ich Dir jetzt noch gar nicht solch miserable Sachen mitteilen.

Von Joachim erhielt ich heute auch einen langen Brief. Ich danke ihm schön für alles, was er mir mitteilt. Glaubte gar nicht, dass er schon solch gute Briefe, wenn auch einige Rechtschreibfehler drin sind, schreiben kann.

Und was macht unser kleines Sabinchen. Ich lege Dir einen Brief von Tante Erika bei. Wir wollen uns später, wenn Du mir unsere Jüngste in den Arm legst, auch über sie sehr freuen. Wie traurig für Erika, dass der Heini seine kleine Tochter gar nicht zusehen bekommen hat.

Dir aber, mein liebes, gutes Frauchen, geht es doch hoffentlich nun schon einigermaßen? Ich denke manches Mal, wie schön es doch wäre, wenn ich Dich wie früher etwas bemuttern könnte, Dich auch mal streicheln und liebhaben. Aber auch die Zeit kommt wieder, und wir werden uns dann unseres Glückes freuen. Meine ganze Sorge ist jetzt auch nur, wie ihr alle in dem Raum unterkommen werdet. Kannst Du Frau Mahnke nicht bewegen, sich eine andere Wohnung zu besorgen? Das wäre jedenfalls das Beste, aber man nur immer nicht so sein. Thiel kenne ich auch, ist auch ein guter Kerl. Wie sind Ärzte und Schwestern im Krankenhaus zu Dir? Wie sind das Essen und sonst die Aufnahme?

Mein Muttilein, viele herzliche Grüße und einen lieben Kuss von Deinem

Gustav

Fussnoten

  1. Heiligenbeil, Ostpreussen, heutiger Name Mamonowo. 50km südwestlich von Kaliningrad, ehemals Königsberg.