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Die Briefe von Gustav Lörzer

Brief 36

Datum: 13. Dezember 1944
Ort: Heiligenbeil [1]

Mein liebes Frauchen!

Heute Nachmittag endlich bekam ich 3 Briefe auf einmal von Dir. Ich freue mich ja so sehr, dass es Dir nun schon anfängt, besser zu gehen. Mein Muttilein wird gewiss noch einmal so froh und lustig sein, als vorher. Die Kinder werden sich gewiss auch freuen, die Mutti wieder zu ha­ben. Wenn ihr nur alle schön gesund bleibt, dann will ich schon gerne warten, bis ich vielleicht später zum Urlaub an der Reihe bin. Was werde ich nur Weihnachten anfangen. Aber schließ­lich wird ja Dienst sein wie immer, und abends werden sich schon ein paar Skatspieler finden. In Heiligenbeil selbst bin ich nur damals, als ich nach Königsberg zur Bahn ging, durch die Straßen gegangen, sonst kommt man nie dorthin. Und meine Wohnung ist so ganz heimelig und gemütlich, dass ich mich immer auf den Abend freue, an dem ich am runden Tisch in der Mitte sitze und an Puttilein einen Brief schreibe. Der Rundfunk spielt dazu, jetzt gerade: „Hörst Du mein heimliches Rufen". Wenn es nur so eine Kleinigkeit wäre, etwas nach Rummelsburg zu schaffen, dann würde ich gerne den Apparat hergeben. Ich habe ja noch einen kleinen Volks­empfänger, der sich evtl. schicken ließe.

Aber was, wenn der verloren ginge, es ist Eigentum des Horstes. Oder wenn er eingezogen wer­den sollte und ich hätte ihn nicht da. Meinen alten Uniformrock werde ich eintauschen gegen eine Bluse, die ich mir passend machen lasse. Dann werde ich jetzt auch bald einen Bezugsschein be­antragen für Stoff zu einer Uniform. Was lasse ich mir dann für eine Hose machen, eine lange oder eine Stiefelhose? Ich kann mir nicht denken, wo mein ganz alter Uniformrock geblieben ist, den hatte ich doch damals in eine Kiste gepackt und mitgeschickt, als es hieß, wir verlegen weiter nach rückwärts. Auch Bücher und Zigaretten waren noch in den Kisten. Ich habe schon so man­chen gebeten, in Landsberg nachzusuchen, aber noch wurde nichts gefunden. Um den Rock tut es mir weniger leid als um die Schulterstücke und Spiegel, die man doch so nötig braucht. Was Dein Mann so für Sorgen und Nöte hat, was Frauchen?

Jetzt mache ich noch das Päckchen fertig und dann geht es in die ...Heia ?(, nicht entzifferbar -- UL). Dabei werde ich an mein liebes Frauchen denken, wie schön es wäre, wenn sie bei mir wäre und werde mit den Gedanken bei Dir einschlafen und vielleicht wenigstens träumen, dass ich Dich in den Armen halte und wir uns liebhaben.

Mit einem herzlichen Kuss

Dein Gustav

Fussnoten

  1. Heiligenbeil, Ostpreussen, heutiger Name Mamonowo. 50km südwestlich von Kaliningrad, ehemals Königsberg.