Die Briefe von Gustav Lörzer
Brief 37
Datum: 14. Dezember 1944
Ort: Heiligenbeil [1]
Mein liebes Frauchen!
Zum 2. Mal, so lange ich in Heiligenbeil bin, war ich im Kino. Es gab
nichts Besonderes „Die sieben Briefe". Eigentlich ein Quatsch, aber
lachen konnte man, besonders über Paul Kemp. Nach dem Kino habe ich im
Kasino gesessen, und so ist es 9^00^ Uhr geworden. Draußen pfeift ein
eisiger Wind, und mit Schrecken denke ich an eure Sommerwohnung. Sieh
nur zu, Muttilein, dass Du Dich nicht erkältest, wenn Du aus dem
Krankenhaus kommst, und heizt euch die Zimmer ordentlich ein. Bei mir
im Zimmer weht die Gardine am Fenster. Morgen werden wir auf meinem
Stützpunkt einen Bunker bauen, damit wir Unterschlupf haben, wenn wir
bei Alarm in der Kälte auf dem Befehlsstand sein müssen. Wenn er
fertig ist, werden wir uns noch einen Ofen setzen und dann wird es
schon werden. Werde morgen erst Bohlen und Bretter organisieren. Zum
Bauen habe ich Pioniere. Dazu habe ich meine letzten Zigaretten
spendiert.
Puttilein, liebes, heute Morgen habe ich zum ersten Mal den stets
fälligen täglichen Brief nicht abgeschickt. Das kam, weil gleich
morgens allerhand Eiliges zu erledigen war, so hatte ich im Eifer des
Gefechtes vollkommen den Brief vergessen, bis es zu spät war. Nun
schicke ich ihn mit dem heutigen Brief in einem Umschlag ab. Aber das
Paket ist abgegangen, hoffentlich kommt es noch zum Fest zur Zeit.
Zu unserer Weihnachtsfeier gibt es in diesem Jahr auch nur einige
ganze Kleinigkeiten. Wenn es die letzten Kriegsweihnachten sein
sollten, dann wollen wir schon mit allem zufrieden sein. Wenn ich mir
vorstelle, wie schön es sein könnte, normal Frieden wäre, ich hätte
dann meine Lieben alle um mich, wir beide würden uns umfassen und
zusehen wie sich unsere Kinderschar freut. Doch das alles muss ja
einmal wiederkommen, dann holen wir alles nach, besonders wir beide,
mein Frauchen, meinst nicht auch? Jetzt sind auch meine
Asthma-Zigaretten so ziemlich erledigt. Wie wird es mir wohl gehen,
wenn ich gar nichts mehr habe?
Wegen der Wohnung hoffe ich noch immer, dass Frau Mahnke noch eine
andere bekommt. Angst würdest schon nicht haben, denn wer wird euch
was tun, es wohnen ja auch die anderen noch im Haus. Dann würdet ihr
es doch bequemer und gemütlicher haben. Vielleicht könnt ihr für
Bienchen irgendwo eine Ecke abschlagen, damit sie ungestörter ist und
keinen Zug bekommen kann.
Mein liebes, liebes Frauchen, ich grüße Dich herzlich mit einem
langen Kuss.
Grüße die Jungs vom Papi und gib Dorchen und Eddalein und Binchen von
mir ein Küsschen.
Mir fehlt Gretels Adresse; wenn Du an sie schreiben solltest,
bestelle von mir viele Grüße. Auch Erichs Anschrift habe ich nicht.