Die Briefe von Gustav Lörzer
Brief 40
Datum: 17. Dezember 1944
Ort: Heiligenbeil [1]
Mein liebes Frauchen!
Es ist Mittagspause. Um 13^00^ Uhr bin ich zum Oberstleutnant zum
Hasenessen eingeladen. Das ist nun nicht etwas ganz Besonderes,
sondern wenn der von seinem Gut Hasen bekommt, dann lädt er
abwechselnd immer 4 Herren zum Essen ein, immer reihum. Diesmal bin
ich dran.
Jetzt hat man uns hier ein Sammellager der neuen
Wehrmachtshelferinnen in den Horst gelegt. Ich kann Dir nur sagen,
Puttilein, das ist ein Leiden. Schon was dazu gehört, um denen nun
abgesondert von den Soldaten Unterkunft und Verpflegung, Essräume usw.
zu geben. Oberzahlmeister Steinke, der zur Betreuung von mir
eingesetzt worden ist, stehen manchmal die Haare zu Berge. Aber von
Not und Elend kann man da auch erfahren. 50 % aller Frauen und Mädchen
sind aus den jetzt von den Russen besetzten Grenzgebieten. Da sind
einige darunter, denen die Mütter und Geschwister von den Russen
erschlagen wurden. Die Mehrzahl von diesen hat nur das nackte Leben
gerettet. Eine ist dabei, deren Mutter und eine Schwester wurden von
den Russen erschlagen, auch die Kinder der Schwester. Die Männer der
Schwestern sind gefallen, desgleichen ihr eigener Verlobter. Vom Vater
weiß sie nichts. Viele weinen bittere Tränen, weil sie noch nichts von
den Eltern gehört haben und nicht wissen wo die stecken. Es ist schon
ein Elend. Dabei sind viele zum 1. Mal eingezogen, und weinen meinem
armen Steinke nun die Ohren voll, wegen Urlaub, den sie haben wollen,
aber nicht bekommen. Manche sind noch Kinder von 17 Jahren, manche
haben's aber auch schon faustdick hinter den Ohren. Du siehst,
Frauchen, womit man sich hier beschäftigen muss. Von oben wird
natürlich ganz besonders gute Versorgung und Betreuung gefordert.
Abends schreibe ich weiter.
So, mein geliebtes Frauchen, nun ist es Abend und ich setze meinen
Brief fort. Das Hasenessen ist vorüber. Es hat recht gut geschmeckt,
und da alles aufgegessen werden sollte (5 Mann waren wir), mussten wir
ganz anständig reinhauen. Hinterher gab es noch Pudding, und zum
Schluss Kaffee und Zigaretten. Ihr seht also, mir geht es gut. Und
darum lasst euch auch alles was ihr habt, zu Weihnachten gut
schmecken. Ich will nicht, Puttichen, dass Du nun gleich in der Küche
stehst und stundenlang brätst und bäckst. Sieh lieber zu, dass Du bei
Kräften bleibst und dich und die Kinder gesund erhältst. Hier beginnen
am Mittwoch die ersten Feiern von den verschiedenen Einheiten. An
Urlaub denkt niemand, jedenfalls spricht niemand davon, dass er in
Urlaub fahren möchte. Es ist eben so, dass alle für den Fall eines
Falles sofort auf ihrem Posten sein müssen. Und der Fall kann stets
eintreten. Schon bei Fliegeralarm ist jeder Einzelne für einen
bestimmten Posten eingeteilt. Mein Bunker ist bald fertig, dann kommen
noch ein Ofen hinein und Bänke an den Seiten. Dazu werden Kohlen und
Briketts vorrätig gehalten, ebenso Beleuchtung, und alles ist soweit.
Mein liebes Frauchen, gestaltet euch das Fest so schön wie möglich,
seid alle fröhlich, da wir doch alle gesund sind und es uns daher doch
noch immer, bis auf das Getrenntsein und einer engen Unterkunft, gut
geht. Und denkt bei der Feier in Liebe an mich, wie ich es auch tun
werde.
Recht herzliche Grüße, mein liebes Frauchen und einen Kuss
Gustav
Du meinst immer, Du dürftest nicht so lieb in Deinen Briefen
schreiben. Und dabei freue ich mich doch immer gar zu sehr, wenn mein
Puttichen unternehmungslustig ist, weil ich weiß, dass sie dann munter
ist.