Die Briefe von Gustav Lörzer
Brief 41
Datum: 18. Dezember 1944
Ort: Heiligenbeil [1]
Mein liebes Frauchen!
Es ist jetzt eine halbe Stunde vor Mitternacht. Um 21^00^ Uhr wollte
ich den Brief anfangen, da ging die Sirene. Soeben bin ich von draußen
reingekommen. Daher auch so\'ne miserable Schrift, mir sind nämlich
noch die Finger verklammt. So haben diese Teufel uns nun in 3 Tagen 3
× auf den Gefechtsstand gejagt. Man kann sich vorstellen, dass es dem
Landser eine Wonne ist, wenn es dann endlich einmal zum Schießen kommt
und sich für die dauernden Alarme rächen kann. Heute zog der Wind im
freien Feld anständig an der Nase. Schade, dass unser Bunker noch
nicht soweit ist. Nordwestlich von uns war ein mächtiges Feuerwerk.
Man konnte nur nicht sagen wo es war. Die Flak schoss wie verrückt.
Alle Sprengblitze waren zu sehen, auch das Ballern entfernt zu hören.
Für Elbing schien es nicht südlich genug und für Pillau war es zu weit
südlich, für Danzig wiederum war es nicht weit genug. Ob's vielleicht
auf der See war. Na, morgen werden wir's erfahren.
Und du, mein Puttilein, musst dich doch wieder so früh raus wagen.
Hoffentlich hat's Dir und Sabinchen nichts geschadet. Wäre es nun
nicht doch gut, wenn Du die ganze Wohnung für Dich hättest? Wieviel
zahlt Frau Mahnke eigentlich an Miete? Wenn es jetzt nicht gar so kalt
wäre, würde ich sagen, sofort raus nach Kamnitz (?) und hinein ins
Schulhaus. Aber wer würde euch wohl rausfahren? Wenn ihr dort wäret
jedenfalls würde ich mich freuen. Nur jetzt so einen Umzug machen, das
ist gar nicht so einfach. Dort würdet ihr schon bei den Bauern Milch
bekommen und mit der Schule würde es so schlimm auch nicht sein. Wenn
Joachim dann jetzt doch Ferien bekommen soll, die anderen würden schon
mit der Dorfschule fertig werden. Sollte Joachim dann nicht mit den
anderen mitkommen, dann wäre eben nichts zu machen, dann bleibt er ein
Jahr sitzen, so eine Schande wäre das in der jetzigen Zeit auch nicht.
Wie gesagt, schlimm ist nur der Umzug im Winter. Ich weiß ja auch
nicht wie die Wohnung im Schweizerhäuschen ist. Falls Du meinst, dass
sie direkt gesundheitsschädlich für die Kinder ist, dann müsste man
schon die Mühen eines Umzuges in Kauf nehmen. Es ist ja schlimm, dass
mein Puttilein nun immer ganz alleine entscheiden muss und die
Verantwortung zu tragen hat. Doch glaube ich, dass Du bisher alles
immer richtig getroffen hast und auch weiterhin das Richtige treffen
wirst.
Ich grüße Dich recht herzlich, mein liebes Frauchen, einen lieben
Gute-Nacht-Kuss von
Deinem Gustav