Die Briefe von Gustav Lörzer
Brief 42
Datum: 19. Dezember 1944
Ort: Heiligenbeil [1]
Mein liebes Frauchen!
Vor 10 Minuten teilte die Vermittlung mit, dass wegen Feindannäherung
mit Fliegeralarm zu rechnen sei. Also wird's wohl wieder rausgehen.
Das Telefon steht nicht still, andauernd hat jemand etwas zu
bestellen. Vorhin rief auch Mahnke an. Er teilte mit, dass er in
Urlaub fährt, dann will er auch die Wohnungsfrage in Rummelsburg
klären. Schlage ihm nur vor, dass er für seine Frau eine andere
besorgen soll oder Dir beim Umzug nach Kamnitz (?) hilft. Eine
richtige Wohnung wäre für Dich natürlich bedeutend besser. Mit Kohlen
sei nur soweit sparsam, als es nicht auf Kosten der Gesundheit der
Kinder geht. -- Soeben kam ein Anruf von der Luftwaffenhelferin, von
der ich Dir schon schrieb. Sie will versuchen eine Verbindung noch
heute bis 9^30^ (21^30^) Uhr herzustellen. Ob's gelingen wird? Freuen
würde ich mich doch, wenn ich Dich wieder einmal sprechen könnte. --
Wenn die Kohlen alle sind, dann [muss]{.underline} eben die NSV (?)
aufgrund der Feuchtigkeit in der Wohnung mehr Kohlen bewilligen. Ich
würde sonst wer weiß wo überall Krach machen. Sind die Kisten und der
Schrank von Neuhausen schon angekommen? Es wäre doch schön, wenn ihr
das zu Weihnachten noch hättet. Und dass die Kartoffeln alle
erfrieren, das ist doch sehr schade. Ist mein Päckchen mit den
Pantoffeln schon da? Leider habe ich sonst nichts, das ich Dir, mein
liebes Puttichen, schicken könnte. Der gute Mann, der die Geldbörsen
macht, hat sich nicht gemeldet, den werde ich mir erst einmal fischen
müssen. Das schicke ich Dir dann eben nach den Feiertagen.
Bei Gelegenheit trage nur der NSV (?) oder der Frau Dahlke das
Ungesunde der Wohnung vor, damit sie einsehen, dass man da nicht ewig
bleiben kann. Wie benimmt sich die Familie „Vermieter"? Auf den Brief,
den ich noch vor Deiner Aufnahme ins Krankenhaus an den Mann schrieb,
meldete sich die Frau. Sie nahm natürlich den Mann in Schutz und
meinte, dass sie schon genug durchgemacht hätten. Ich schrieb ihr
darauf noch einmal, das was sie durchgemacht hätten, das hättest Du
und ich gewiss auch durchgemacht, vielleicht noch etwas mehr. Wenn man
zu einer Frau und Mutter, die alleine steht und das 6. Kind erwartet,
grob sein könne, dann wäre das eine Taktlosigkeit ohnegleichen. Oder
ob sie meine, dass ich dem ruhig zusehen müsste, ob ihr Mann damit
wohl zufrieden sein würde.
Was hat es dann während Deiner Abwesenheit mit den Bachers gegeben?
Etwas Genaues weiß ich nicht. Na, die können uns alle mal!
Grüße unsere Bande vom Papi. Freut sich Eddalein über das kleine
Schwesterchen?
Dir, mein liebes Frauchen, recht viele Grüße und einen lieben langen
Kuss, wenn auch nur im Geiste (leider)
Dein Gustav
Soeben erhielt ich die Nachricht, dass die Verbindung frühestens um
22^00^ Uhr hergestellt werden kann. Da habe ich abgesagt, weil ich
Dich nicht womöglich noch so spät ins kalte Zimmer ans Telefon jagen
will, vielleicht aus dem warmen Bett heraus.