Die Briefe von Gustav Lörzer
Brief 43
Datum: 20. Dezember 1944
Ort: Heiligenbeil [1]
Mein liebes Frauchen!
Gestern und heute habe ich keine Post von Dir erhalten. Du wirst mir
doch nicht untreu sein, Puttilein? Oder habe ich Dich geärgert? Dann
schreibe mir doch gleich, was ich gesündigt habe. Ich bin vor einer
halben Stunde eben aus der Stellung gekommen. Diese verdammten Hunde
jagen uns immer wieder mit ihrem Alarm raus, die Terrorbomber meine
ich. Wenn wir die Biester wenigstens mal so nahe vor den Lauf bekämen,
dass sich das Schießen wirklich lohnt. Nun ist es aber bald soweit,
dass wir unseren Bunker beziehen können. Ich glaube, mir wird es darin
so gut gefallen, dass ich am besten abends dort gleich schlafen gehe.
Ganz unter der Erde, mit dicken Baumstämmen gestützt und versteift,
die Wände mit Brettern ausgeschlagen, der Fußboden gedielt. Oben
kommen morgen dicke Rundhölzer rüber, dann kommt eine Schicht
Holzwolle, dann Erde. Jetzt wäre alles der Erdoberfläche gleich, doch
nun kommen noch einmal Bretter mit Dachpappe und darüber ein dicker
Erdpilz. Damit ist er natürlich nicht bombensicher gegen Volltreffer,
aber warm, da ja auch ein Ofen reinkommt. Doch was erzähle ich Dir da
so allerlei Sachen, die mein Frauchen nicht interessieren. Wichtiger
ist euer Unterkommen. Wie sieht es damit aus, mein liebes Muttilein?
In diesen Tagen war es sehr kalt und auch windig; war es da schlimm
bei Euch? Ich hoffe immer, dass Mahnke während des Urlaubs etwas
unternimmt. Schön wäre es ja, wenn ihr eine trockene Wohnung hättet
oder doch wenigstens diese Zimmer alle für euch. Wenn es jetzt im
Winter nicht gar so umständlich wäre, würde ich auf jeden Fall zum
Umzug nach Kamnitz (?) oder (?) raten. Da würdet ihr gewiss Kartoffeln
noch genügend zu kaufen bekommen und auch Milch und was sonst so mit
der Landwirtschaft zusammenhängt. Und das, was in Rummelsburg die
Wohnung mehr kostet als in Kamnitz (?) oder Volz (?), das könnte man
schon ganz gut für Privatstunden auf dem Lande aufwenden, so dass die
Kinder nicht zu viel versäumen würden. Ich kann ja den morgigen Tag
kaum erwarten, weil ich doch hoffe von Dir, mein liebes Frauchen, Post
für 3 Tage zu erhalten.
Bei uns sind jetzt jeden Tag Weihnachtsfeiern von den verschiedenen
Einheiten. Zur heutigen Feier der Nachrichtenvermittlung war ich auch
eingeladen, doch da schon morgen unsere Feier ist und übermorgen die
der zivilen Gefolgschaft, gehe ich nicht hin. Nach Beendigung des
Abends aber bin ich durchgefroren zur Küche gegangen und habe denen
eine Portion Karbonade weggefuttert. Mein liebes gutes Frauchen, macht
ihr euch auch das Weihnachtsfest so gemütlich wie möglich, seid
fröhlich und vergesst alle Sorgen. Wir werden gegenseitig einander
gedenken und so uns im Geiste nahe sein. Wenn wir dann hinterher
hören, dass wir das Fest in Ruhe und Gesundheit verlebt haben, werden
wir uns alle freuen und auf ein frohes Wiedersehen hoffen.
Damit, mein Puttilein, grüße ich Dich herzlich mit einem lieben Kuss
Gustav
Den Kinderlein auch einen Gruß vom Papi