Die Briefe von Gustav Lörzer
Brief 47
Datum: 26. Dezember 1944
Ort: Heiligenbeil [1]
Mein liebes Frauchen!
Der 2. Feiertag neigt sich dem Ende zu. Da gestern kein Brief
eintraf, hoffte ich heute darauf, aber leider vergeblich. Morgen ist
militärischen Dienst, da werde ich also erst mittags erfahren, ob
Muttis Brief da ist. Vorhin habe ich Deine Briefe nach dem Datum
sortiert. Ich muss feststellen, dass Du doch eine ganze Reihe von
Tagen ausgelassen hast. Aber die Hauptsache ist ja, dass man noch
immer liebe Post erwarten kann. Wie habt ihr Butzers (ich kenne im
Ostpreußischen Butscher/Butzer als Bezeichnung für Kinder -- UL) nun
die Feiertage verlebt, habt ihr zu Hause gesessen? Habt ihr Besuch
gehabt? Wie beträgt sich die Familie Bacher? Mahnkes Urlaub ist nun
wohl auch bald zu Ende; auch die guten Tage vergehen. Wir wollen nun
hoffen, dass unsere Armeen jetzt wieder zuschlagen und den Gegner weit
über die Grenzen hinaus jagen, damit ihr dann wieder nach Neuhausen
zurückkönnt. Ich wäre ja so froh, wenn ich euch wieder in geregelten
Verhältnissen wüsste. Vielleicht, wenn euer Brennmaterial alle ist,
dass es dann schon so weit ist, doch wir wollen uns nicht zu früh
freuen. Bis V3 + V4 eingesetzt werden, wird doch noch eine Weile
vergehen.
Das Luftgaukommando will mir auch mehrere Beamte fortnehmen. Wer
weiß, was ich für einen Ersatz bekommen werde. Stabsintendant Schütz,
der die Lohnstelle, Personalstelle und Werkküche hat, soll zum
Luftgaukommando, Oberzahlmeister Dormagen (Gebührnisstelle, Amtskasse)
wird nicht als Offizier (TSW) übernommen und scheidet aus;
Oberzahlmeister Steinke, von dem ich schon schrieb, wird, da Jahrgang
16, Offizier im Truppendienst, also Oberleutnant. Dann bleiben nur
noch der olle Ehlert und ich. Na, ich werde schon fertig werden. Die
Fahrt nach Königsberg habe ich noch bis nach Neujahr aufgeschoben. Ob
ich wohl auch so eine Aufschiebung vorgenommen hätte, wenn Puttilein
in Neuhausen wäre? Ich glaube, dann wäre ich schon heute Abend
gefahren. Wie schön wäre das doch, wenn mich mein Frauchen dann
erwartet hätte. Vielleicht wäre ich mit dem letzten Zug angekommen,
die Kinder würden schon schlafen und wir wären „ganz unter uns". Nun
wird Dein Mann schon wieder dreist, was, mein liebes Frauchen? Doch
das gehört ja nun doch dazu, zur Liebe, und ich habe mein Puttilein
doch gar zu lieb.
Wie steht es nun eigentlich mit einer Entschädigung als Evakuierte?
Hast Du gar nichts bekommen, oder wie denken sich das die
Rummelsburger? Wenn nach Ansicht der NSV die Wohnung mit 125,- RM
angemessen ist, dann sollen sie sie doch bezahlen. Wegen der
Schulbeihilfe hat sich das Finanzamt auch noch nicht gemeldet.
Wolltest Du mir nicht auch einmal die Angaben betr. Halina für die
Krankenkasse machen? Wie sieht es mit Sabinchens Urkunden und der
Rechnung des Krankenhauses aus? Da siehst Du, Muttichen, was ich so
alles für Sorgen habe. Doch wenn ich Dir schon so nicht in allem
helfen kann, dann will ich es doch wenigstens hierin tun.
Damit grüße ich Dich, mein Puttichen, recht herzlich. Im Geiste sehe
ich Dir ganz tief in die Augen (weißt wie so manches Mal) und gebe Dir
einen herzlichen Kuss
Gustav
Gestern habe ich Rummelsburg angerufen, doch die Nr. 235 meldete sich
nicht. Heute warte ich auch schon seit mittags. Jetzt ist es 21^45^
Uhr. Ob es da noch was werden wird?