Die Briefe von Gustav Lörzer
Brief 48
Datum: 27. Dezember 1944
Ort: Heiligenbeil [1]
Mein liebes Frauchen!
Nun ist wieder einmal das Weihnachtsfest vorüber. Fast möchte man
sagen: Gott sei Dank, und wünschen, dass schon der Frühling da wäre.
Vielleicht wäre dann die Zeit zur Rückkehr in die Heimat da. Ich
erhielt heute Deinen gar so traurigen Brief, in dem du mitteilst, dass
Frau Mahnke auszieht und Dich die Hunde beißen. Ich weiß auch,
Puttichen, dass Du mir Vorwürfe machst, weil ich nicht auf Urlaub
komme. Was soll ich mich da groß verteidigen, gegen solche Gedanken
nützen alle Worte nichts. Du musst vor allen Dingen zusehen, dass Dir
schon jetzt mehr Kohlen zugebilligt werden. Wenn die nicht wollen,
dann mache ihnen ruhig etwas Angst, sagst, Du würdest dich an den
Gauleiter wenden und ihm schildern wie Du mit 6 kleinen Kindern in
einer vollkommen feuchten und kalten Wohnung hausen müsstest, wovon
das eine Kind erst vor 14 Tagen geboren ist, und dass für die Heizung
einer solchen Wohnung nicht mit normalen Maßstäben gemessen werden
könnte. Jedenfalls sollst Du alle 3 Zimmer richtig heizen. Gibt man
Dir keine Kohlen, dann gehst Du 2 Tage vor dem Allewerden (gemeint ist
wohl der Kohlenvorrat -- UL) hin und sagst ihnen, dass ein ganz
ekliger Krach entstehen würde, wenn die Kinder krank werden sollten.
Vor allen Dingen beziehe Dich auf das 3. feste Zimmer. Darin wohnst Du
mit den 3 Mädchen doch besser. Schreibe mir doch die Adresse von dem
Oberförster, vielleicht kann ich ihm schreiben, denn telefonisch komme
ich nicht durch, auch gestern wurde nichts daraus. Weißt Du, Frauchen,
wenn man hört und sieht wie ungerecht alles zugeht und wie
unfreundlich man mit einer kinderreichen Mutter umspringt, dann möchte
man sonst was machen. Am besten wäre noch, man meldete sich zur Front,
um alles andere im Kampf zu vergessen. Soll ich euch zurückholen, noch
bevor der Kampf im Osten entschieden ist? Ein elendes Leben ist das.
Ich möchte euch gerne meine Wohnung abgeben und dafür eure nehmen,
doch es ist nun einmal im Leben vieles verkehrt eingerichtet.
Da heute kein vernünftiger Brief zustande kommt, Muttichen, will ich
Schluss machen. Ich grüße Dich herzlich und gebe Dir in Gedanken einen
Kuss
Gustav