Die Briefe von Gustav Lörzer
Brief 50
Datum: 28. Dezember 1944
Ort: Heiligenbeil [1]
Mein geliebtes Frauchen!
Nach Deinem heutigen Brief vom 1. Feiertag ist mir etwas wohler, weil
Du da so etwas unternehmungslustiger schreibst. Gewiss, Muttichen,
gehe nur hin, wenn es bei der NSV nichts nützt, dann gehst einfach zum
Landrat, und wenn Du Fuhrwerke brauchst, für ein paar Schnäpse macht
man alles. Man muss ja so vorgehen, alles andere hilft doch nichts.
Vergiss nicht, beim Umzug den Herd mitzunehmen. Was sich tun lässt,
das tue bald, Frauchen. Denn ich glaube, im Januar und Februar können
wir noch mit allerhand Frost rechnen. Musst nur nicht gleich
nachgeben; wenn man nicht hören will, gehst kurz entschlossen zur
nächst höheren Stelle. Kannst meinen Brief beim Landrat ruhig abgeben.
Vielleicht findest Du da noch irgendeinen alten Bekannten, der die
Bearbeitung beschleunigt selbst übernimmt. Frage die nur, wie es wohl
kommen würde, wenn ich mich an die höchsten Stellen wende mit meiner
Beschwerde, dass man meine Frau mit 6 Kindern so hundsmiserabel
behandelt. Und fertig bekomme ich es, darauf können die Gift nehmen.
Es ist jetzt 20 ^45^ Uhr. Ich habe bis jetzt an einer Ausarbeitung
für morgen früh gearbeitet, da muss ich eine Belehrung für ca. 400
Personen halten über alle möglichen und unmöglichen Sachen, und da
möchte ich doch nicht zu sehr stottern. Dann werde ich nachher gleich
noch an Itel schreiben, dass sie ja nicht einen Heizkörper einfrieren
lassen. Wer mag wohl den Schlüssel von Halinas Zimmer haben?
Ja, Frauchen liebes, wie schön wäre es, könnten wir uns hin und
wieder im eigenen Heim treffen, wie früher. Ich weiß gar nicht mehr
wie es ist, das Frauchen im Arm zu haben. War es nicht schön, wenn wir
in unserem schön geheizten Zimmer abends zur „Ruhe" gingen? Ich würde
meinem Frauchen dann erzählen, wie lieb ich sie habe und dass sie für
mich die schönste und liebste aller Frauen ist. Ich sehne mich schon
sehr nach der Liebe meines Frauchens und zehre von der Hoffnung auf
ein Wiedersehen. Wirst Du mich dann auch noch so lieb wie früher
haben, so lieb wie in der Zeit vor der Ehe? Denn manchmal konntest
mich „alten Knacker" ja doch nicht leiden. Und man wird ja auch immer
älter. Vielleicht bin ich Dir gar nicht mehr jung genug, graue Haare,
verschrunzeltes Gesicht und sonst nicht mehr so wie ein junger.
Was machen unsere Kinderlein? Dorchen und die kleine Eddamaus
vertragen sich doch wohl noch immer gut. Wie geht es meinem Sabinchen,
die ich gar zu gerne einmal in den Armen halten möchte? Bekommt sie
schon das Fläschchen? Gewöhne es ihr nur bald an, ehe Du Dich
krankmachst. Hast Du, mein Puttichen, keine Beschwerden mehr von der
Entbindung her? Mein Frauchen, ich grüße Dich recht herzlich und
wünsche Dir viel Glück zur Beschaffung einer Wohnung. Einen herzlichen
Kuss
Gustav