Die Briefe von Gustav Lörzer
Brief 53
Datum: 01. Januar 1945
Ort: Heiligenbeil [1]
Mein liebes Frauchen!
Nach Deinem heutigen Brief ist es zwecklos, dass ich anrufe. Nun weiß
ich auch erst, warum sich schon mehrmals auf 235 niemand meldete. Und
Du, mein Frauchen, wie weit hast Du es mit einer anderen Wohnung
geschafft? Ich hoffe noch immer, dass mir Deine Briefe eines Tages
eine günstige Nachricht bringen.
Der erste Tag des Jahres 1945 geht zu Ende. Wie die Stimmung manchmal
so ist, am liebsten möchte ich, na, was soll ich sagen, ich bin in so
einer Stimmung, in der man von der ganzen Welt nichts wissen möchte.
Was ist das Leben überhaupt? Am besten ist noch derjenige dran, der
alles gehen lässt wie es geht und sich nur das Angenehmste im Leben
heraussucht. Doch zu denen möchte ich auch nicht gehören. Ich glaube,
mir fehlt eines: ich müsste meine Lieben bei mir haben, mein Frauchen
müsste ich liebhaben können, und ich müsste mich etwas verwöhnen
lassen können. Wie schön war es doch immer bei Dir, wenn ich vom
Dienst nach Hause gekommen war und ich im Sessel saß mit der Zeitung
und -- manchmal Puttichen böse war. Ich meine das Aussöhnen nachher
beim Schlafengehen war dann immer schön. Das alles aber fehlt mir
jetzt. Wie können die ollen Junggesellen es nur aushalten, ohne Heim
und einem lieben Frauchen darin. Und unsere 6 nicht zu vergessen.
Möchte zu gerne einmal bei euch sein und meine Jüngste sehen. Meine
Eddamaus wird den Papi gar nicht mehr kennen, und ich werde staunen
wie sie alle gewachsen sind. Man weiß das Glück gar nicht zu schätzen,
wenn man immer beisammen sein kann. Wieviel haben wir nicht schon
getrennt leben müssen. Auf keinen Fall werden wir unsere Jungs Beamten
oder Offiziere werden lassen, den Krieg außer Acht gelassen, werden
die doch nur dauernd hin und her geworfen und werden nirgends
heimisch. Bauer hätte man werden müssen, was ich noch, wenn ich gesund
bleibe, nach meiner Pensionierung werden will.
Was Dein Mann heute wieder alles zusammenfaselt, was, Frauchen? Doch
man hat eben manchmal so eine Stimmung. Diese Stimmung würde ja sofort
ins Gegenteil umschlagen, könnte ich Dich jetzt in den Arm nehmen und
Dich herzen und küssen nach Herzenslust. Nun tue ich es nur in
Gedanken.
Damit, mein liebes Frauchen, grüßt Dich herzlich
Dein Gustav