Zum Inhalt

Die Briefe von Gustav Lörzer

Brief 54

Datum: 03. Januar 1945
Ort: Heiligenbeil [1]

Mein liebes Frauchen!

Wie ich aus Deinen Briefen ersehe, hat man dich wegen einer Wohnung wieder abschlägig be­schieden. Ja, Muttilein, damit musst Du Dich doch nicht gleich zufrieden geben. Gehe nur, wie ich schon schrieb, zu Dombrowski und bitte ihn um eine Wohnung. Wenn der Dich abspeisen will, dann nur nicht gleich gehen. Sage ihm nur in einem ruhigen, ganz selbstverständlichen Ton: „Herr Dombrowski, warum muss es nun sein, dass ich mich zuerst noch an den Gauleiter wende? Ich muss dem nun schreiben, dass weder die Partei noch der Landrat mir helfen. Und schreiben muss ich, denn glauben Sie, dass ich noch länger in der Wohnung bleibe, bis mir die Kinder alle krank werden? Und der Gauleiter hat versprochen, dass gerade auf die Gesundheit der Kinder zu achten ist. Warum wollen Sie also, dass Sie erst vom Gauleiter eine Anweisung erhalten müssen"? -- Wenn Du ihm das so etwa sagst, dann wird er müssen, ob er will oder nicht. Kenne ich Dombrowski, ist es der Lahme? Ich an Deiner Stelle, Puttichen, wäre schon längst dort hingegangen. Du siehst doch, die NSV hat es ja nicht nötig, dafür zu sorgen. Und nicht so machen als ob du bettelst, nein, wenn sie nicht wollen, dann eben in einem ganz sachli­chen aber bestimmten Ton fordern.

Mein liebes Puttichen, sonst hast Du mich aber falsch verstanden. Du sollst mir alle Nöte und Sorgen klagen, so wie wir es ausgemacht haben. Ich werde mich stets dann viel mehr in Deine Lage versetzen können. Was ich meinte, das war ja nur, dass Du mir nicht Vorwürfe machen sollst. Wie gerne ich zu euch kommen würde, weißt Du doch selbst, und wenn ich nicht komme, dann kann ich eben nicht kommen. Heute wurde wieder ein Schreiben rumgeschickt, dass jeder Urlaub, um evakuierten Angehörigen zu helfen, verboten ist. Mir hat der Oberstleutnant ein­mal gesagt, ja, das ist schlecht, wenn wir Urlaub nehmen, dann kommen so viel andere und be­rufen sich darauf, denn so viele sind jetzt evakuiert. Und, so würde ich es ja auch machen, wenn nur einer von den anderen fahren würde. Dann würde ich sagen, mit dem gleichen Recht steht mir Urlaub zu. Aber kein Aas fährt, weil eben niemand beurlaubt wird. Also sei tapfer Mut­tichen, und bei den Behörden dreist, und wenn es sein muss, schlage auch einmal mit der Faust auf den Tisch. Die können Dir alle einmal! Eigentlich wollte ich mich ja nicht verteidigen, weil Du mir nicht glaubst, nun habe ich es doch getan.

Mein Frauchen, wenn Du wüsstest, wie ich mich immer nach Dir sehne und nach unseren Kindern, dann würdest Du mir nicht so böse sein, wenn ich trotzdem nicht in Urlaub komme.

Ich grüße Dich herzlich. In Gedanken einen herzlichen Kuss

Dein Gustav

Fussnoten

  1. Heiligenbeil, Ostpreussen, heutiger Name Mamonowo. 50km südwestlich von Kaliningrad, ehemals Königsberg.