Die Briefe von Gustav Lörzer
Brief 59
Datum: 12. Januar 1945
Ort: Heiligenbeil [1]
Mein liebes Frauchen!
Zwei Briefe von Dir brachte mir heute die Post. Es ist wirklich eine
Freude, jetzt Deine Briefe zu lesen. Schreibe mir nur recht viel,
Muttichen. Ich freue mich ja so riesig, wenn ich so im Einzelnen alles
weiß. Den Jungs muss das große Zimmer doch gefallen, jedenfalls ist es
besser als wenn es zu klein wäre, vor allem, wenn es trotz der Größe
doch warm ist. Und die 3 Mädchen, schlafen die alle 3 in Deinem
Zimmer? Dann muss es doch auch ziemlich groß sein. Wie habt ihr Halina
untergebracht?
Frau Mahnke scheint dann ja auch so ein Waschweib zu sein. Aber lass
sie nur tratschen. Ich weiß, dass zum Schluss doch alle meine Frau am
liebsten haben. Auch die werden am Schluss Gold von Talmi
unterscheiden können. Lieber immer nett und freundlich zu allen, aber
nie mit einem gar zu intim zu sein. Und lass Halina nicht zu viel für
sie machen, sonst glaubt sie, es muss so sein. Es genügt, wenn Halina
ihr hin und wieder etwas aus der Stadt besorgt, aber das macht sie
gewiss am liebsten selbst.
Wie schön wäre es doch, könnte ich mein liebes Frauchen einmal in
ihrem Heim besuchen. Nun würde uns auch niemand durchs Zimmer laufen.
Abends würden wir unsere 6 beobachten und sie zur Ruhe bringen. Und
wir beide -- wir wären dann ganz unter uns. Nicht auszudenken wäre es,
wie wir uns liebhaben würden. Für unsere Kleinsten freue ich mich ja
am meisten, dass ihr nun eine nette, vor allem aber warme Wohnung
habt. Bisher ist es wohl noch nicht vorgekommen, dass eines unserer
Kinder 4 Wochen alt geworden ist, ohne dass ich es nicht schon auf dem
Arm getragen hätte. Unser Puttichen wird gewiss mit ihren kleinen
immer jünger. Es ist wohl auch bestimmt so, dass man sich mit jedem
Kind sagen muss, es geht noch immer, man schafft noch dasselbe wie
1932. (hier schließen sich mehrere von Mutti eingeschwärzte Sätze an,
die intimen Inhaltes sind. Ich lasse sie fort. Sie haben im
Zusammenhang der Briefe keinen zeitgeschichtlichen Bezug -- UL).
Omchens letzte Wurst habe ich vorhin zum Abendbrot vertilgt, sie hat
wieder einmal ganz prima geschmeckt. Mutter schreibt, für die Anna
hätte sie sie selbst hingebracht und auch den Erich dort angetroffen.
Ob sie tatsächlich nach Pr. Eylau gefahren war? Das wäre allerhand
Unternehmungslust.
Jetzt will ich schließen und mein Bett aufsuchen. Könntest Du mich
nicht darin erwarten? Man darf sich so etwas gar nicht vorstellen,
sonst.... Ich habe Dich ja so lieb, mein Puttilein. Jetzt kann ich mir
das alles nur denken, und so gebe ich Dir auch in Gedanken einen
herzlichen langen Kuss. Viele herzliche Grüße
Gustav
Gib unserer Jüngsten von mir ein Küsschen. Ich möchte unser Kleinchen
gerne einmal sehen und im Arm halten. Auch der kleinen Eddamaus ein
Küsschen vom Papi und auch Dorchen. Haben die Jungs sich schon
Spielkameraden besorgt?