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Die Briefe von Gustav Lörzer

Brief 60

Datum: 12. Januar 1945
Ort: Heiligenbeil [1]

Mein liebes Puttichen!

Heute habe ich keine Post von Dir erhalten; ob ich dafür morgen 2 bekomme? Ich bin heute Abend ausnahmsweise wieder einmal im Kino gewesen zu „Weißer Flieder! Es gab etwas zum Lachen. Als ich dann hier den Radioapparat anstellte, da gab es „Versprich mir nichts" mit Viktor de Kowa. Wann und wo haben wir den Film einmal gesehen? Ich weiß es nicht mehr. War es Königsberg, Stolp, Mohrungen, Rummelsburg oder Neuhausen? Wo haben wir uns nicht schon überall herumgetrieben, aber als wir von Rummelsburg fortzogen, da glaubten wir wohl nicht, dass wir da noch einmal Zuflucht suchen würden. Überall haben wir Sorgen und Leid, aber auch viele frohe Stunden verlebt. Man kann jetzt kaum noch sagen: da war es am schönsten und da am schlimmsten. Am schönsten in Erinnerung aber ist mir doch die Domn­austrasse, obgleich es dort wohl am knappsten bei uns war, das Geld meine ich. Schön war es auch in der Jägerstrasse und schließlich auch in Neuhausen. Da hoffen wir, noch viele frohe Stunden zu verleben, nicht, mein Frauchen? Ob auch mich das Schicksal noch mal nach Rum­melsburg führt, um mit meinem Frauchen glückliche Stunden zu verleben? Ich würde es mir sehnlichst wünschen, doch wie meistens im Leben, gehen solche Wünsche nicht immer in Erfül­lung. Du schreibst, ob ich Dir gar keine Hoffnung mache. Sieh, Frauchen, es sind hier so viele, die schon viel viel länger nicht mit der Familie zusammen waren und die trotzdem keinen Ur­laub beantragen, da müssen wir schon noch zurückstehen. Wenn wir nur alle gesund bleiben, dann wollen wir uns gedulden und warten, einmal muss uns ja auch das Glück kommen. Dann will ich mein Frauchen ganz toll liebhaben und das Glück auskosten. 3 Monate sind es nun schon her, seit ihr von Neuhausen abfuhrt. Hoffen wir, dass der Russe bald Dresche bezieht, und wenn ihr dann noch nicht zurückkehren könnt, dann wird vielleicht wenigstens die Ur­laubssperre gelockert.

Im Anschluss an den Brief werde ich noch einen mehrere Seiten langen Befehl für das „Volks­opfer"- Spinnstoffsammlung ausarbeiten, damit er morgen rausgeht. Heute fast den ganzen Tag habe ich nur Vernehmungen gemacht. Hatten doch ein paar Russen Waggons aufgebrochen um zu klauen. Das ging immer mit dem Dolmetscher. Morgen wird der Tatbericht ans Feldgericht gemacht und dann können sie verknackt werden. Jeder Tag bringt hier was Neues und die Zeit vergeht wie im Fluge. Gehen die Kinder schon wieder zur Schule? Der Weg gefällt ihnen, beson­ders Dorchen, wohl viel besser.

Doch jetzt, mein liebes Frauchen, Schluss für heute. Ich grüße Dich recht herzlich mit einem Kuss. Grüße auch die Jungs und Mädchen vom Papi

Dein Gustav

Fussnoten

  1. Heiligenbeil, Ostpreussen, heutiger Name Mamonowo. 50km südwestlich von Kaliningrad, ehemals Königsberg.