Zum Inhalt

Die Briefe von Gustav Lörzer

Brief 61

Datum: 14. Januar 1945
Ort: Heiligenbeil [1]

Mein liebes gutes Frauchen!

Heute wollte ich eigentlich ganz früh schlafen gehen, aber nun ist es doch schon wieder bald 21^00^ Uhr und nachher will ich noch Versicherungsbeiträge usw. zur Absendung fertig machen. Den ganzen Abend habe ich telefoniert. Von den Wehrmachtshelferinnen, die laufend hier her­geschickt und dann auf einzelne Fliegerhorste verteilt werden, ist ein junges Mädchen, noch nicht 18 Jahre alt, heute gegen Abend im Krankenhaus verstorben. Ich habe sie nicht gekannt, weil es ja viele sind, aber Leid tut es einen doch schon der Eltern wegen. Nun heißt es, diese benach­richtigen usw. Ich sprach soeben mit dem zuständigen Ortsgruppenleiter in einem Dorf im Kreis Heilsberg. Die Mutter, die dort evakuiert ist, wird natürlich einen Schreck kriegen, aber es ist ja nichts daran zu ändern. Diphtherie, vorgestern krank geworden, gestern Krankenhaus und heute tot. Liebes Puttichen, willst Du nicht unsere kleine Eddamaus auch impfen lassen? Wenn es ein Arzt macht, dann wäre es doch gut. Was sagt mein Eddalein dazu, mein kleines Töch­terchen?

Jetzt beginnt der Russe auch mit seinem Angriff in unserer Heimat. Wir wollen hoffen, dass er sich seinen Borastenschädel so einrennt, dass er nur noch fürs Grab gut ist. Dann soll für uns eine andere Zeit kommen, mit glücklichen Gesichtern und frohem Schaffen. Meinem lieben Frauchen würde ich doch jetzt, wo wir nicht mehr jeden Pfennig umzudrehen brauchen, auch mehr bieten können. Und wie würde mir es Freude machen, mein Frauchen zu beschenken und glücklich zu sehen. Nun aber müssen wir uns schon bescheiden. Wir wären ja auch schon glücklich, wenn wir uns nur von Zeit zu Zeit sehen und liebhaben könnten. Ich glaube, Putti­chen, ich war doch eigentlich dumm, dass ich früher die Zeit nicht genügend genutzt habe. Wie konnten wir nur manchmal tagelang ohne uns im Arm gehabt zu haben, abends einschlafen. In Zukunft wollen wir anders sein und uns unsere Liebe immer wieder beweisen, mit dem Herzen und auch mit... nun, Du weißt ja, mein liebes Puttichen, was ich meine. Wann wird die Zeit wiederkommen?

In den beiden letzten Tagen keine Post von Dir, Frauchen. Aber doch, das Paket habe ich gestern erhalten. Vielen Dank für alles. Und dass Du immer Butter schickst, das ist doch ge­wiss nicht nötig. Wie soll es Dir da bei einem Wiedersehen ergehen, hast Du nicht ein bisschen Angst? Wenn Du mich dann so liebhast, wie ich Dich, dann werden wir bestimmt Flitterwo­chen haben.

Ich grüße Dich recht herzlich und gebe dir im Geiste einen langen Kuss. Dabei stelle ich mir mein Frauchen im Nachthemd in meinen Armen vor

Dein Gustav

Fussnoten

  1. Heiligenbeil, Ostpreussen, heutiger Name Mamonowo. 50km südwestlich von Kaliningrad, ehemals Königsberg.