Die Briefe von Gustav Lörzer
Brief 62
Datum: 15. Januar 1945
Ort: Heiligenbeil [1]
Mein liebes Frauchen!
Soeben habe ich das Paket fertiggemacht und dabei feststellen müssen,
dass die Tinte alle ist. Nun muss es ein Bleistift tun. Also lasst
euch die paar Krümchen schmecken. Ich kann mir vorstellen wie unsere
kleine wilde Hummel in den harten Kuchen mit den Zähnchen rumknabbert.
Wenn's nur schmeckt. Dorchen und die Jungs freuen sich auch, wenn es
mal Süßes gibt. Und mein Puttichen? -- (an dieser Stelle hat Mutti
wieder mehrere Sätze geschwärzt, unleserlich gemacht. Sie sind wohl
wieder intimer Art). So wie Du, frage auch ich.
Heute am Nachmittag habe ich endlich 2 Briefe von dir bekommen.
Dachte schon, Du hättest mich vergessen. Ich freue mich immer wieder,
dass es euch da gefällt. Wie schlimm wäre es doch, wenn ihr jetzt in
Neuhausen wäret und ich müsste stündlich denken, was werden soll, wenn
der Russe durchbrechen sollte. Dann könnte ich euch nichts helfen und
ihr müsstet froh sein, wenn ihr wenigstens das nackte Leben retten
könntet. Wir wollen hoffen, dass der Russe nicht durchkommt. Dann umso
besser, auch wenn ihr getürmt wart. Habt ihr das Badezimmer ganz für
euch alleine? Das ist ja dann ganz großartig. Wie gerne würde ich euer
Reich einmal bewundern und genießen. Mich könnte das ja auch locken,
aber es hilft alles nichts. Ja, mein Frauchen, ich glaube schon, dass
wir beide uns da so recht von Herzen liebhaben könnten, ohne dass wir
gestört würden. Doch was nützt es, wenn man sich schöne, ach zu
schöne, Bilder erstehen lässt, die so leicht nicht Wirklichkeit
werden.
Ich trage immer den Kommissmantel. Jetzt habe ich mir bei der
Verkaufsabteilung eine Uniform, einen Pelzmantel und ein paar
Handschuhe bestellt. Vielleicht bekomme ich noch alles. Handschuhe
habe ich mir von der Kammer leihweise geben lassen. Ich brauche also
noch keine. Dann habe ich meinen ältesten Rock (den ich im Sommer
reinigen ließ) und die geflickten Stiefelhosen, beim Schneider zum
Überholen. Hinterher soll die Uniform von Gustav und dann der
Wettermantel rankommen. Den ganz alten Kommissrock gebe ich zur
jetzigen großen Spinnstoffsammlung ab. Müsste ihn bei Neubeschaffung
einer Uniform sonst abgeben. Zur großen Sammlung für die notleidenden
Volksgenossen aus den Ostpreußischen Grenzkreisen läuft die
Geldsammelaktion „Kameradschaftsopfer". Dazu habe ich 100,- RM
gegeben. Du wirst mich schimpfen, aber ich bekomme ja noch 175,- RM
für das Umändern der Uniform bei Überführung zu den Offizieren. 100,-
RM haben auch die Beiträge zusammen ausgemacht. Aber ich habe noch
genügend, auch wenn von der Verkaufsabteilung eine dicke Rechnung über
400 -- 500 RM kommen sollte.
Ich grüße euch alle herzlich. Dir, mein liebes Frauchen, einen
herzlichen Kuss Gustav
Ist der Zigarettenstopfer bei euch?