Die Briefe von Gustav Lörzer
Brief 64
Datum: 19. Januar 1945
Ort: Heiligenbeil [1]
Mein liebes Frauchen!
Draußen heult der Wind. Da ist es doch ein beruhigendes Gefühl, seine
Lieben in festen, warmen Räumen zu wissen. Über jeden Brief, in dem Du
mir Deine Zufriedenheit über eure Zimmer aussprichst, freue ich mich.
Ich könnte dann bestimmt allerhand Ungemach auf mich nehmen. So geht
es wohl auch den Soldaten an der Front, und man kann sich vorstellen,
dass der Soldat beruhigt kämpft und stirbt, wenn er seine Lieben
geschützt und gesichert weiß. War es nicht doch damals gut, dass ihr
damals loszogt? [2] Jetzt, bei dieser Kälte wäre ein solcher Umzug
fürchterlich. Der Russe ist wohl ein ordentliches Stück durchgestoßen,
aber mich soll es doch wundern, wenn es noch lange mit Brennstoff und
Munition reicht. Wenn der Stoff zu Ende ist, dann kommt wahrscheinlich
unsere Zeit. Also abwarten. An der Ostpreußischen Grenze konnte er
bisher ja noch nicht viel erreichen. Morgen werde ich mit Neuhausen
telefonieren, dass Itel das Geschirr schicken soll. Auf eine Kiste
mehr oder weniger kommt es nun nicht mehr an. Waren die Kartoffeln
eigentlich alle erfroren, oder wo ist die Kiste geblieben? Ob Wiemers
nicht doch auch bald in unserer Wohnung auftauchen werden?
Dass die Bomber auch einmal Rummelsburg angreifen werden, glaube ich
nicht. Dazu ist das Städtchen zu unbedeutend.[3] Meine kleine Eddamaus
soll nur keine Angst haben. Wenn sie nach Heiligenbeil kommen, dann
werde ich sie mit meinen Maschinengewehren, die ich jetzt auch habe,
abschießen. Aber hierher kommen sie nicht, vor uns haben sie doch
Angst. Und mein liebes Puttilein hat auch Angst vor einem
Nimmerwiedersehen? Aber Puttilein, wo denkst du hin, ich werde schon
nicht umkommen. Wir werden uns bestimmt wiedersehen und wollen uns
dann liebhaben. Ich stelle mir auch jetzt vor, wie schön es wäre, wenn
mich mein Frauchen hier besuchen würde. Auf 2 -- 3 Tage würde ich Dich
schon unterbringen, nur wie? Ich würde Dich nicht hungern und frieren
lassen. Sollte es tagsüber hier in der Wohnung kalt sein, dann kämst
am Tage in mein Büro. Da ist es umgekehrt am Tag warm. Am Abend zum
Schlafengehen aber ist es immer warm. Und außerdem würden wir uns
gegenseitig aufwärmen. Wie schön wäre das, mein liebes Frauchen. Man
darf sich das gar nicht vorstellen. Ich würde Dich ganz toll liebhaben
und ich glaube, wir würden die ganze Zeit überhaupt keine Kälte
merken, auch nicht, wenn es wirklich kalt wäre. Würdest Du mich auch
so liebhaben, Frauchen? Jedenfalls würden wir die kurze Zeit zu nutzen
wissen. Wem aber würdest Du die übergeben?
Und die Frau Döhring ist nicht mehr die Lustigste, wie damals? Ja,
der Krieg macht viele mürbe, aber es vergeht ja auch ein Jahr nach dem
anderen, und jedes Jahr macht uns älter und ruhiger. Raschke ist also
noch immer der Affe wie damals. Na, soll er. Falls ich auch einmal
nach Rummelsburg kommen sollte, muss er evtl. mit der Hand
hochflitzen.
Jetzt mein Frauchen grüße ich Dich und die Kinder recht herzlich. Dir
einen herzlichen Kuss von Deinem
Gustav
Zu Deinem übermorgigen Geburtstag nochmals viele herzliche
Glückwünsche. Könnte ich bei Dir sein, würde ich Dir all meine Liebe
beweisen.