Die Briefe von Gustav Lörzer
Brief 65
Datum: 19. Januar 1945
Ort: Heiligenbeil [1]
Mein liebes Frauchen!
Deine beiden recht kurzen „Briefe" erhalten. Na, ein bisschen länger
hätten sie ja, auch wenn sie in Eile geschrieben sind, ausfallen
können. Also, ich werde morgen mein Glück mit dem Anruf versuchen.
Hoffentlich ist die Nr. 106 auch wirklich die Nr. Rummelsburg 106 und
nicht womöglich die Hausnummer des Hausapparates im Landratsamt. Auch
wird es mit Rücksicht auf die Frontlage wohl allmählich schwieriger
werden, eine Verbindung zu bekommen, weil die Leitungen immer mehr von
der Front beansprucht werden. Doch hoffen wir, dass es klappt und ich
wieder einmal meines lieben Frauchens Stimme hören kann.
Soeben sind die 22-Uhr-Nachrichten zu Ende. Man hofft jetzt immer von
Tag zu Tag, dass es bald einmal umgekehrt in den Nachrichten kommt,
dass unsere Truppen wieder die Russen treiben. Nun, auch die Zeit
kommt einmal wieder. Bis jetzt habe ich in meinem Zimmer die
Spendenliste für das Notopfer von unseren verschiedenen Einheiten
zusammengezählt. Fast 6000,- RM sind schon beisammen, doch ich rechne,
dass noch mindestens 10000,- RM dazu kommen, wenn ich alles beisammen
habe. Zum Volksopfer (Spinnstoffsammlung) habe ich den alten
Uniformrock abgegeben, dafür brauche ich keinen bei der nächsten
Uniformbeschaffung abliefern. Was hast Du noch geopfert?
In diesen Tagen pfiff ein eisig kalter Wind und ich habe mich jedes
Mal, wenn ich ihn heulen hörte, gefreut, dass ich euch in warmen
Räumen wusste. Auch wenn ich bedachte, dass man, wäret ihr in
Neuhausen geblieben, jetzt evtl. doch den Umzug vornehmen müsstet,
dann war ich heilfroh, dass ihr in Pommern sitzt. Dort werdet ihr in
Ruhe den Sieg abwarten. Oder werden die Rummelsburger auch schon
unruhig? Nun, ich glaube, noch ist das da in Ostpommern das ruhigste
Gebiet aus dem ganzen Reich gewesen. Die paar Fliegeralarme kann man
wohl nicht rechnen, zumal ein Angriff auf Rummelsburg gewiss nicht in
Betracht kommt. Da werden Schierks in Podejuch wohl des Öfteren in den
Keller müssen.
Und damit werde ich wieder einmal für heute schließen. Ich grüße Dich
recht herzlich, mein liebes Frauchen. Im Geiste einen lieben, langen
Kuss, den ich mir nur zu gerne in Natura wünschen würde.
Grüße unsere Jungs von mir. Sie sollen immer brav sein und Mutti viel
Freude machen. Den 3 Mädels ein Küsschen vom Papi. Geht Dorchen schon
wieder zur Schule? Was macht meine kleine Eddamaus und wie geht es
unserem ganz kleinen Sabinchen?
Du sollst mir doch schreiben, wann Mutter Geburtstag hat.