Die Briefe von Gustav Lörzer
Brief 66
Datum: 19. März 1945
Ort: O.L. [1]
Dieser letzte Brief war nicht an die Ehefrau Martha Lörzer, sondern an die Schwester Ida "Itel" Lörzer adressiert. Die Familie von Gustav Lörzer musste vor der herannahenden Bedrohung durch die Rote Arme Richtung Westen fliehen. Geplant war eine Zusammenführung der Familie bei Güstrow. Dort hat man sich aber verpasst. Gustav Lörzer ging davon aus, dass seine Familie den Russen in die Hände gefallen war ... .
Liebe Itel!
Habe heute Deinen Brief erhalten. Es freut mich, dass wenigstens Du den Russen entronnen bist und dass ich von einem meiner Angehörigen weiß, dass er sich außer Gefahr befindet. Ich bin aus dem Kessel H (Anm.: Heiligenbeil), der ja nun immer kleiner wird und der vielleicht schon heute aufgegeben werden muss, entronnen. Es war dort alles nur noch ein Trümmerhaufen; und zu dem kleinen Hafen musste man hinkriechen, da man wegen Artilleriebeschuss dauernd zu Bauche musste. Leider konnte man so gut wie nichts mitnehmen. Und was ich mithatte, das hat man mir am Hafen stehen lassen, nachdem ich nochmals den Dreckweg zurück zum Horst machen musste, um etwas Dienstliches nachzuholen und deshalb bei der Verladung nicht dabei sein konnte. Nun trage ich mir alles mühsam zusammen. Schade, dass Dein Brief nicht früher ankam, ich hätte dann Willi Deine Adresse angeben können. Willi hat H (Anm.: Heiligenbeil) ein paar Tage vor mir verlassen. Er hoffte, ins Reich zu kommen. Doch er wird Dich gewiss über die Auskunftstelle für Rückgeführte zu finden wissen.
Soeben ist Major Friedrich, mit dem ich hier zusammen wohne, durch Artilleriesplitter verwundet worden. Man geht nur noch geduckt durch die Straßen. Doch gegen Heiligenbeil ist es hier noch gold.
Von den anderen Angehörigen habe ich nichts mehr gehört. Martel schrieb mir einmal über das R.L.M. (Anm: Reichsluftfahrtministerium) einen Brief, der ein einziger Notschrei ist. Ich betrachte ihn fast als Abschiedsbrief für immer, denn er war am 25.2. in Bublitz, in der Nähe von Rummelsburg, auf der Flucht geschrieben. Unser Sabinchen lag dort wohl im Krankenhaus im Sterben. Nun möchte ich nur noch Gewissheit darüber haben, was aus meiner Frau und den Kindern geworden ist. Ist sie den Russen in die Hände gefallen, dann werde ich mich zur Fallschirmtruppe melden, denn was habe ich dann noch hier verloren.
Liebes Schwesterchen, ich wünsche Dir alles Gute. Bleibe tapfer, trotz allem. Vielleicht bist Du später die Einzige von uns, die sich in der Heimat wieder einfindet.
Deine Anschrift auf dem Umschlag ist nicht leserlich. Hoffentlich kommt der Brief an.
Herzlichen Gruß und nochmals alles Gute
Dein Bruder Gustav
Letzter Brief von Gustav Lörzer |
Letzter Brief von Gustav Lörzer |
Letzter Brief von Gustav Lörzer
Letzter Brief von Gustav Lörzer